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Nach Gebrauch links liegen gelassen

Auch ich wurde gefragt und habe mir lange überlegt, ob ich unangenehme Anekdoten des Machtmissbrauchs aus dem Theaterbetrieb samt Namen preisgeben soll, und habe entschieden: nein. Wesentlicher als diese Einzelheiten erscheint mir eine ökonomische, sexuelle, autoritäre, letztlich patriarchale Machtstruktur, die sich am Theater in geradezu absolutistischer Form unter dem Mantel künstlerischen Eigenwillens erhalten konnte. Diese Struktur schürt Abhängigkeit und lädt ein zum Missbrauch beziehungsweise dazu, sich missbrauchen zu lassen. Als junge Schauspielerin war ich dieser Struktur ausgesetzt und habe zum Teil sehr darunter gelitten. Was dagegen zunächst hilft, ist der eigene Machtzuwachs im machterhaltenden „System“, also: prominenter werden, einflussreicher, egoistischer, aggressiver. Ich wäre sofort bereit, über neuerliche Formen der Mitbestimmung am Theater nachzudenken. Vor allem aber würde ich sagen, dass die Entwicklung eines persönlichen und reiferen Einstehens für sich selbst – womit aber auch die Solidarität mit dem anderen, der in eine geschwächte Situation geraten ist, gemeint wäre – notwendig ist. Diese gehörte sozusagen dazu: zur Treue zu sich selbst, die alles andere wäre als Egoismus. Eine solche Entwicklung ist unerlässlich, um irgendwann „abstinent“ zu werden, nicht mehr anfällig für den Missbrauch, ob als Opfer oder Täter.

Was dann auch hilft, ist das Älterwerden der Frau. Sie wird einfach gar nicht mehr belästigt. Dass sie aber auch nicht mehr begehrt, gesehen, wertgeschätzt wird, ist das nächste Thema. Sie hat sich dem Schema „Junge Frau wird ge- und missbraucht, ältere Frau bleibt ungebraucht, wird abgeschafft“ zu unterwerfen. Es findet in den weiblichen Lebensgeschichten durch den äußeren Blick auf die Frau ein enormer Bruch statt. Ein Sturz von übermäßig sexualisierter Beachtung, die sie zum Objekt macht, in völlige Ignoranz, die sie zum Nicht-Objekt macht. Das sind zwei Seiten einer Medaille, sie gehören zum nämlichen Missbrauchsgeschehen. Die Frau in ihrer Subjektivität kommt nicht genug in den Blick. Das Schicksal der älter werdenden Frau scheint kaum wert, überhaupt erzählt zu werden; die ältere Schauspielerin bekommt keine Rollen mehr, keine Engagements, kein Geld. In der dramatischen Tradition, Ausnahmen bestätigen die Regel, interessiert man sich nicht sehr für sie. Ich fürchte, dies ist auch in der neueren Dramatik nicht wesentlich anders, in einer Zeit, in der sich Frauen vielfach panisch unters Messer legen, um die Spuren ihres Alters zu verstümmeln, statt sie zu achten, ja, zu kultivieren. Dabei lässt sich ja doch nicht bestreiten, dass die ältere Frau zusätzliche Kompetenzen besitzt, über das Leben zu erzählen, als die jüngere. Spätestens mit dem fünfzigsten Lebensjahr hat die Frau eine enorme Erfahrungsdichte und ein Beziehungswissen in sich gesammelt: Sie hat, oft sogar alleinerziehend, Kinder großgezogen, die Alten versorgt, Ehen durchlebt – das hat sie zum Teil mehr gefordert als bislang den Vater und Mann. Die verschiedenen Lebensschulen, die sie durchlief, prägen und prädestinieren sie auf besondere Weise. Ihr Erfahrungsspektrum ist häufig doppelbelastet und doppelt kompetent, breiter jedenfalls als das männliche. Im glücklichsten Falle spiegelt sich dies in ihrem künstlerischen Wissen. Dass dieses Potential der älteren Frau und Schauspielerin in die erotische, soziale, gesellschaftliche und künstlerische Unsichtbarkeit verschoben wird, halte ich für skandalös.

Ich, als ältere, langsam alt werdende Frau, möchte mich zu meinem Alter bekennen, zu dem Reichtum, den es bedeutet. Und ich wünsche mir, dass in der aktuellen Debatte um sexistischen Machtmissbrauch von Theatermännern das diskriminierende Unsichtbarmachen der alternden Frau als genauso dazugehörig angesehen wird. Es braucht eine feinere Verantwortungskultur, Regisseure, Intendanten, Männer, die auch in Herzensangelegenheiten mitsamt ihren sexuellen Aspekten reifer werden, um Konflikte zugewandt und nicht machtheischig zu durchleben, hingabefähiger und auch respektvoller, um uns kräftigere, ebenbürtigere Gefährten zu werden.

 

Die Schauspielerin Corinna Kirchhoff gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefs, in dem Matthias Hartmann, dem ehemaligen Intendanten des Burgtheaters, Machtmissbrauch vorgeworfen wird. Zur Zeit ist sie am Berliner Ensemble engagiert.

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