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27.4.-27.7.2018

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Zensur und Täter

Folgender Artikel wurde von Horst (Lübeck) dem Blog hier übermittelt

 

Zensur, Zensur, haltet die Täter!

Eine Kolumne von Alice Bota

Gedichte übermalen, Bilder abhängen – warum die Aufregung? Von Russland aus betrachtet kommt einem die deutsche Debatte über Kunstverbote ziemlich hysterisch vor.

9. Februar 2018, ZEIT

 

Ich bin keine Feuilletonistin und lebe zudem weit weg von Deutschland, in Russland. Das Bild von Europa, das mir die russischen Staatsmedien vermitteln, zeichnet sich durch, sagen wir, gewisse Schlagseiten aus: Wahlweise droht der Untergang durch Flüchtlinge oder durch die Liberalen, die nichts auf "traditionelle Werte" geben, dafür aber auf dritte Geschlechter, Schwulenehen und #MeToo.

Und so erschrak ich, als ich mich kürzlich durch das deutsche Feuilleton klickte: Da wird ein Gedicht Gomringers übermalt, weil es die Frauen zu "bewunderungswürdigen Objekten" degradiere und zudem nahe dem Alice-Salomon-Platz hänge, der abends oft "männlich dominiert" sei, weshalb sich Frauen dort häufig nicht sicher fühlten. Da wird in Deutschland über das Bild Hylas und die Nymphen von John William Waterhouse debattiert, weil es in der Manchester Art Gallery abgehängt wurde – es zeige Frauen "passiv-dekorativ", was mir irgendwie nicht einleuchtet, denn die Nymphe zieht ja Hylas ins Wasser herab, ist also ganz schön aktiv, aber egal.

Seit zwei Jahren lebe ich nun in Russland. Was Zensur ist, war hier gerade erst zu beobachten: Da darf eine britische Komödie über Stalin nicht in den russischen Kinos gezeigt werden, weil sie den Diktator ins Lächerliche zieht, was mir für eine Komödie nicht sehr überraschend vorkommt – Verbote haben die Russen übrigens meisterhaft zu umgehen gelernt, die Raubkopien kursieren schon. Und dann gibt es noch die andere Form der Zensur, nicht staatlich organisiert, aber vom Staat toleriert: Radikale nationalistische oder christliche Gruppen stürmen Ausstellungen und Aufführungen, weil sie ihr empfindliches Moralgefühl verletzt sehen, zerstören Exponate oder attackieren Zuschauer, ohne dafür belangt zu werden. Ich merkte also auf bei den Nachrichten aus Deutschland: Was ist bei euch nur los?

Zu lesen war von der großen Furcht vor Zensur, Kulturbarbarei und Tugendterroristen, Feuilletonisten zeigten ihre Strichlisten vor, was sonst noch alles verboten werden könnte, wenn man den Anfängen nicht wehrte. Die Romane von Philip Roth ziemlich sicher (der hat die Folgen des Tugendfurors beizeiten in Der menschliche Makel kommen sehen!), Fitzgerald in Teilen auch. Shakespeare, hm, ja, ja, doch, womöglich auch der. Ich würde noch Brecht hinzufügen, der lyrisch beschreibt, wie man Engel verführt, ihnen den Rock hochschiebt und die Beklommenheit wegfickt – Brecht veröffentlichte das Gedicht übrigens in großer Skandalfreude unter Thomas Manns Namen. Kunst als Guerillataktik. Und die Antike? Ach, fangen wir besser nicht damit an.

Ich suchte also nach der Zensur – und fand sie nicht. Das Gedicht von Gomringer, das Kulturschützer von rechts bis ins linksliberale Lager in einer Koalition eint, sollte ja bleiben – nunmehr auf einer kleinen Tafel an der Wand. Mag die Begründung des Allgemeinen Studentenausschusses gegen das Gedicht noch so bescheuert klingen: Wenn Studierende finden, es passe nicht als Aushängeschild zu ihrer Hochschule (und die Namensgeberin Alice Salomon war immerhin eine Feministin), dann ist es ihr gutes Recht, sich ein neues zu pinseln.

Auch das abgehängte Hylas-Gemälde in der Manchester Art Gallery, mit dem die Kuratorin "die viktorianische Fantasie" herausfordern wollte, ist mitnichten ein Beleg für Zensur, wie die Debatte in den deutschen Feuilletons nahelegt. Für die Kuratorin ging es letztlich um eine Frage: Wie können wir über Kunst so reden, dass es für das 21. Jahrhundert relevant ist?

 

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