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Einmischen!

F rüher, vor ungefähr 50 Jahren, da redeten Kulturschaff ende, rebellische 68er-Studenten und Geistesgrößen kraftvoll mit. Das Land, der westliche Teil zumindest, war im Um- und Aufbruch. Von der dumpfen AdenauerNachkriegszeit in eine aufregende, off ene, demokratische, sozial-liberale Republik. Günther Grass machte Wahlkampf für Willy Brandt und die EsPeDe. Klaus Staeck produzierte Agitprop. Liedermacher und Rocksänger erhitzten die Gemüter. Soziologen und Philosophen wie Jürgen Habermas und Niklas Luhmann erdachten sich Modelle für eine rationale Moderne. Allerorten wurde diskutiert. Die Menschen hatten Lust auf und an Politik, die Gesellschaft war in voller Bewegung. Die Kultur war mittendrin dabei. Heute sind Europa und die ganze Welt in Aufruhr und Lethargie zugleich. Im Weißen Haus residiert ein kindsköpfi ger, kleptomanischer, dauertwitternder Wahnsinniger. Im Kreml ein ebenfalls hochgefährlicher Neoimperialist, der in der Ukraine und in Syrien 

Krieg führt nebst anderen imperialen Mächten, ebenso wie sein türkischer Autokraten-Bruder im Ungeiste. Die Erde erlebt eine Völkerfl ucht historischen Ausmaßes, mit gravierenden Folgen auch bei uns. Viele Menschen haben begründet Angst vor der digitalisierten, globalisierten, turbokapitalistischen Ökonomie. Sie fürchten sich vor islamistischem Terror und eindringenden fremden Religionen und Kulturen. Heil und Halt suchen sie in nationalistischen, autoritären, intoleranten Ideen der Vergangenheit und bei deren braunen und dunkelroten Demagogen. Sie wenden sich von den etablierten Politikern und Parteien ab, die sich in Deutschland gerade wieder einmal als komplett unfähig erwiesen haben, sich auch nur einen Begriff  von der Wirklichkeit zu machen, geschweige denn zukunftsgerichtete Antworten darauf zu geben. Schlimmer noch: Die westliche liberale, rechtsstaatliche Demokratie selbst ist in großer Gefahr. Und was tun Künstler und Intellektuelle? Sie schweigen! Gelähmt, auf sich und ihre Werke und Erfolge oder Misserfolge reduziert, fl iehen sie aus 

der verstörenden Realität in ihren kulturellen Winkel. Lasst mich in Ruhe mit Politik und Ökonomie – ich bin mir genug: Das ist die Botschaft, die das Selbstbild vieler Bürger auf erschreckende Weise spiegelt. Kultur, ob Hoch, Pop oder Alternativ, wird zum Surrogat: zur Ersatzbefriedigung und Ablenkung von den auch medialen Zumutungen und Sorgen des Alltags. Aber Kunst und Geist tragen auch immer Verantwortung. Für das, was um sie herum geschieht, damit auch für ihre eigene Existenzbedingung: geistige und kulturelle Freiheit. Eine besondere sogar. Denn wer, wenn nicht Schriftsteller, Maler, Musiker, Schauspieler, Wissenschaftler, Theologen und Philosophen sollten der bedrückenden, die Welt und ihr Überleben selbst gefährdenden Realität ein ideelles Gegenbild entgegensetzen, eine Vision von etwas Besserem? Was kann Menschen ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, außer waghalsige, kluge, kreative Köpfe? Die Merkels, Schulzens, Lindners, Gaulands oder Höckes etwa? Gott bewahre! Es ist allerhöchste Zeit, sich wieder munter einzumischen. Nicht nur die üblichen Pop-Soziologen, Pop-Politologen und Pop-Philosophen. Sondern jeder an seinem Ort und nach seinen Möglichkeiten. Die Bühnen, Konzert

häuser und Kinos, Studios, Ateliers und Galerien, Museen und Designstudios, Denkstuben und Hörsäle, Buchmessen und Debattenclubs in Volkshochschulen und im Fernsehen müssen wieder Ideen-Werkstätten der Gesellschaft werden. Nehmt den Politikern die Politik aus der Hand! Nutzt die Kommunikations- und Diskurswege der heutigen Zeit auch jenseits der etablierten Medien, die teilweise selbst Abbild der politisch-kulturellen Krise sind. Facebook, Twitter, Rundmails und -briefe, Familien-, Kollegen- und Freundeskreise, Vereine, Verbände und Gewerkschaften (Ja, die gibt es noch!), all das können Foren sein, um selbst die Stimme zu erheben und sich vernehmlich zu Wort zu melden. Denn auch wer sich zurückzieht in sein Kultur-Kämmerlein, trägt Verantwortung. Dafür, dass Freiheit, Geist, Kunst zuschanden gehen. Alle zusammen wären wir ziemlich viele. Gegen die, die Macht haben und sie missbrauchen für ihre geist- und kulturlosen materialistischen Zwecke. Man muss es nur wollen.

 

Ludwig Greven ist Journalist und Autor. Er schreibt u.a. für Die Zeit, Cicero, Publik-Forum und unterrichtet Politischen Journalismus in Hamburg

 

aus: Politik und Kultur, 2/2018, S. 17

 

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