CAN DÜNDAR Aus dem Land des bösen Humors

AUS DEM LAND DES BÖSEN HUMORS…

Neulich besuchte ich in Berlin eine Ausstellung über die Karikaturkunst der letzten 50 Jahre in der Türkei. Der Titel der Veranstaltung fasste den Inhalt perfekt zusammen: 
»Wir verrecken vor Lachen«.
Lachen in der Türkei ist ein Akt, der vor dem bleischweren Alltagsstress schützt, aber auch zu großen Problemen führt. Die Rede ist von einem Land, in dem noch vor einigen Jahren der stellvertretende Ministerpräsident amtlich verordnet hatte, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht lachen dürfen. (Anmerkung: Das war kein Witz)
In solch einem Land gilt jede Handlung als Provokation, die zum Lachen in der Öffentlichkeit anstachelt. Beispielhaft dafür präsentierte die Ausstellung in einem Darkroom »angeklagte Karikaturen«, die wegen »Beleidigung der Staatshonoratioren« bzw. wegen »Öffentlicher Verunglimpfung religiöser und nationaler Werte« verboten wurden, oder solche, die in Gefängnissen entstanden sind ... Auch Zeichnungen von Karikaturistinnen und Karikaturisten, die ihre angeklagten Kolleginnen und Kollegen in den Gerichtsverhandlungen als Gerichtszeichner begleiteten, waren dabei ... 
In der Tat »verrecken wir vor Lachen« ... 

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Erdoğans Humorverständnis lernte Deutschland in der Böhmermann-Affäre kennen. Wir dagegen wurden zum ersten Mal Zeuge davon, als er meinen Kollegen Musa Kart verklagte, der ihn 2004 als »Katze« dargestellt hatte. Musa Karts Zeichnerkolleg*innen protestierten dagegen, indem sie Erdoğan auf der Titelseite einer Satirezeitschrift als Elefant, Kamel, Frosch, Affe und Giraffe bebilderten. Auch dagegen ging Erdoğan gerichtlich vor. Letztes Jahr liefen Studierende bei der Uni-Abschluss-Parade mit diesem Cover als Transparent zum Festakt ein. Festgenommen wurden nicht nur die aufmüpfigen jungen Menschen, sondern auch der Fahrer, der ihnen beim Transport geholfen hatte. (Anmerkung: Das ist auch kein Witz)
Im Gegensatz zu Deutschland ist die Satirekunst in der Türkei ein Fass ohne Boden. So wie in vielen anderen Ländern, in denen freie Meinungsäußerung über demokratische Kanäle nicht möglich ist, bietet Satire in der Türkei einen Zufluchtsort für Protest und für die Sprache der Rebellion. Mit dieser Sprache bekämpfen Oppositionelle die übermächtige Staatsgewalt, die Spott niemals ausbuchstabieren konnte. Dieser Sprech irritierte die Herrschenden und erschütterte ihre sicher geglaubte Autorität schon immer.

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Im Osmanischen Reich wurden die Sultane von Schmarotzern unterhalten, die Könige in Europa von Hofnarren. Während die Letzteren in einem geschützten Rahmen die Könige verspotten durften, wussten die umsichtigen Hofschmeichler im Osmanischen Reich ganz genau, dass ihnen jegliche Kritik am Sultan den Kopf kosten würde.
Auch der »letzte Sultan« der Türkei hasst Satire und ihre Macher*innen ... Wer ihn verspottet, wird bedroht, vors Gericht gezerrt und ins Gefängnis geworfen. Doch je gehässiger Erdoğan, desto spöttischer das Aufbegehren.
Der Gezi-Widerstand von 2013 war der Gipfel dieser heiteren Opposition. Zum ersten Mal in der Türkei ertönte das Hohngelächter eines massenhaften Widerstands, der im Palast nicht zu überhören war. Dieser Karneval, der den Gebieter in einen Narren verwandelte, war das Ergebnis einer erfrischenden Entladung ... Dank seines Humors jagte das Fest der übermächtigen Autorität Angst ein und trug dazu bei, dass die Massen ihre Angst überwanden.
Bis dahin kannte die Polizei nur Menschen, die beim Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas entweder davonliefen oder Widerstand leisteten, doch nie welche, die Transparente trugen mit dem Spruch »Hört auf, sonst rufe ich die Polizei!« 
Graffitis wie »Willkommen beim ersten Tränengas-Festival!« oder »Pfefferspray macht die Haut schöner!« waren den Sicherheitsbehörden ebenso wenig geheuer.
Die Einsatzleiter – sonst an erzürnte Rufe der Protestierenden gewohnt – waren hilflos angesichts einer gewaltfreien Rebellion mit Sprüchen wie »Liebe Polizisten, eure Anwesenheit bringt uns zum Heulen!« Nach dem Einsatz von Pfefferspray wusste die Staatsmacht auch keine Antwort auf die Frage: »Habt ihr das auch mit Erdbeergeschmack?« Irritiert war sie zudem über Anrufe bei der Notrufzentrale, wo denn die Einsatzkräfte blieben mit ihren Wasserwerfern, schließlich hätten die Rebellierenden seit drei Tagen nicht geduscht. 
Junge Menschen, die Tränengasgeschädigte mit Zitronensaft behandelten, definierten den Begriff »Schönheit« in einem Mauerspruch neu: »Schön ist nur die Frau, die ihre Augen mit Zitronensaft behandelt und nicht mit Wimperntusche!« 
Eine bis dahin völlig unbekannte und unverhältnismäßig wütende Schwarmintelligenz schuf eine neue Sprache. An der Tür des Kebab-Ladens eines Erdoğan-Anhängers prangte der Aufruf »Widerstand Entrecôte!« und daneben ein Transparent: »Nieder mit den regimetreuen Koteletts!«
Erdoğan geriet gehörig ins Wanken angesichts dieser Sprache. Mit Sprüchen wie »Hüpf! Hüpf! Wer nicht hüpft, ist ein Tayyip!« brachten die Demonstrierenden den Taksim-Platz zum Tanzen und den Präsidenten zur Weißglut mit dem Spruch »Wir küssen uns ununterbrochen, Tayyip!«, der bekanntlich gegen jede Art des Schmusens poltert. Und er konnte diese Rebellion, der er nicht gewachsen war, nur dadurch unterdrücken, indem er die Zelte der jungen Menschen im Gezi-Park anzünden und einen gigantischen Gewaltapparat gegen sie vorrücken ließ und die Polizei mit einem Schießbefehl ausstattete.
Die Satire wurde zu Grabe getragen, vor Gericht gezerrt, ins Gefängnis geworfen.

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Doch das war noch nicht das Ende. 
Es folgte eine bunte »Gefängnissatire«.
Selahattin Demirtaş war der erste Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten, der Wahlkampf aus dem Gefängnis machte. Als er aus der Haft heraus seine Kampagne mit selbst verfassten Tweets einleitete, wurde seine Zelle vom Wachpersonal gefilzt. Über diese Razzia informierte Demirtaş die ganze Welt mit einer Nachricht, die in die Geschichte der Satire eingehen dürfte: »Nach einem Tweet von meinem Account wurde in meiner Gefängniszelle eine nicht routinemäßige Durchsuchung durchgeführt. Dabei wurden keine Objekte gefunden, die das Twittern ermöglicht hätten ... Ein Wasserkocher, der bei der Inspektion beschlagnahmt wurde, wurde nachträglich als nicht tweettauglich bewertet.«
Dieser Humor, den Demirtaş im Gefängnis von Edirne an den Tag legte, wirkte bald stärker als sein politisches Wirken in Freiheit. Dank der Botschaften, die er über seine Anwälte verschickte, konnte er alle auslachen, die ihn zu unterwerfen versuchten: 
»Neulich besuchten mich zwei meiner Anwälte. Sie sagten: ›Wir sind total demoralisiert, wir wollen hier wieder neue Kräfte tanken.‹ Ich fragte: ›Wollt ihr in Edirne verweilen?‹ Sie daraufhin: ›Nein, im Gefängnis von Edirne.‹ Ich fragte: ›Ist die Lage da draußen so schlimm?‹ Die Antwort: ›Ja, stell dir das mal vor!‹ Da meinte ich: ›Bleibt doch gleich hier, ich kann euch zwei kleine Zellen klarmachen.‹ 
Ihr hättet die beiden sehen müssen, wie glücklich sie lächelten ... 
Natürlich machte ich nur einen Scherz. Ich kann für sie doch keine Zellen klarmachen, denn das Gefängnis ist hoffnungslos überfüllt! Selbst ich als Abgeordneter musste mir den Arsch dafür aufreißen, um hier einen Platz zu ergattern. Neulich kam eine Anweisung vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, die die Räumung meiner Zelle verlangte. Gott sei Dank funkte aber die Regierung dazwischen und verhinderte eine Räumung. Um ein Haar wäre ich freigelassen worden. Gleich darauf hat der 
Präsidentenpalast Recht gesprochen und per Beschluss seiner Beamten im Justizpalast mir ganz schnell eine offizielle Grundbucheintragung zugesprochen. Da sagte ich zu meinen Anwälten: ›Jetzt ist meine Bleibe für vier Jahre und acht Monate gesichert. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ihr könnt doch nicht sagen, dass niemand für euch etwas tut, euch dann aber darüber beschweren, dass ihr nicht eingebuchtet werdet! Seid nicht so pessimistisch. Bis 2023 sollen 228 weitere Gefängnisse gebaut werden. Ich hoffe, euch allen wird da irgendwie Zutritt gewährt ... Wenn nicht, die Hoffnung nicht verlieren, denn bald sind Kommunalwahlen. Wählt die AKP, dann landet ihr ganz sicher im Knast.‹«

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Selbst aus dem Gefängnis fordert die Satire als eines der stärksten Mittel des politischen Widerstands die Macht heraus – unter schallendem Gelächter. Wie dünn Erdoğans Geduldsfaden gestrickt ist, zeigt ein Vorfall Ende des letzten Jahres, als er zwei landesweit bekannte Altmeister der Satirekunst wegen ihrer Äußerungen in einer Talkshow von der Polizei verhören ließ.
Zum Schluss ein letztes meisterhaftes Beispiel für Satire:
Mein Kollege Musa Kart, der wegen seiner Katzen-Karikatur von Erdoğan verklagt wurde, musste zwar nicht ins Gefängnis, doch wurde er zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Letztes Jahr gelang es Erdoğan aber trotzdem Musa Kart unter einem anderen Vorwand in den Knast zu schicken. Unter einem irrwitzigen Vorwand, der selbst die führenden Satiriker*innen des Landes vor Neid erblassen ließ:
Für einen Familienurlaub hatte Musa bei einem Reiseveranstalter, der eine ganzseitige Zeitungsanzeige geschaltet hatte, telefonisch eine Pauschalreise reserviert. Als das besagte Tourismusunternehmen später mit einer illegalen Organisation in Verbindung gebracht wurde, wurde auch Musa verhaftet, nur weil er die Hotline der Firma angerufen hatte. (Anmerkung: Das ist kein Witz)
In seiner Verteidigung sagte Musa:
»Ich hoffte drei Tage in Bodrum zu verbringen in einem Zimmer mit Meeresblick, stattdessen verbrachte ich neun Monate in Silivri 
in einer Zelle mit Blick auf eine Betonmauer. Ein Buchungsfehler dürfte das wohl kaum erklären.«
Eine stockdunkle Zeit sorgt für einen bösen Humor.
Den dunklen Schleier lüftet ein Hauch von Satire.
Und wir verrecken dabei vor Lachen...

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