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Paul Krokers Rezension

„Monstertragödie, Mörderballade, Rock-Vaudeville“ überschreibt wohlzitierend Simone Sterr, Dramaturgin des Theater Bremen, ihren sehr informativen Beitrag zur neuen „Lulu“-Inszenierung am Goethe-Platz. Und man merkt gleich: mit den drei kompakten Komposita wird der eigene Anspruch sehr hoch angesetzt.

Wie neu diese „Übernahme vom Schauspiel Stuttgart“ sich nun ausnimmt, lässt sich nicht wirklich beurteilen in Kenntnis nur einiger Rezensionen, denen die Bremer Premiere aber durchaus zu entsprechen scheint.

Nun hat es solch eine Neuinszenierung in der Tat nicht leicht, muss sie doch den mehr als hundertjährigen Überhang der Tradition in Rechnung stellen. All die Inszenierungen des Dramas und auch der Oper von Alban Berg nicht nur auf deutschen Bühnen, sondern weltweit. Darunter Peter Zadeks Version von 1988 mit der unvergessenen Susanne Lothar in der Hauptrolle.Und auch nicht zu übergehen der Film ungleich jüngeren Datums von Uwe Janson (2005). 

Nun basiert schon die Stuttgarter Fassung des jetzigen Hausregisseurs in Bremen nicht mehr auf Frank Wedekinds Originaltext, sondern auf der Song-Version der britischen Band The Tiger Lillies (2014) mit Lulu als stummer Hauptfigur. Dieser Verzicht auf den Wedekindschen Text soll aber nun dadurch kompensiert werden, dass Regie, Musik und Choreografie „in den Songs… den atmosphärischen Soundtrack für eine Show“ entdecken.  Es solle gespielt werden „mit allem, was Wedekinds Geschichte enthält… In diesem Spiel mit Lulu entsteht eine Freiheit, eine unbeschwerte Lust, eine naive Unschuld, die die Figur selbst vielleicht gar nicht besitzt.“ (Sterr) Warum dann aber noch im Titel dieser Fassung der assoziationsreiche Frauenname des Tragödien-Klassikers?! Wenn schon sein Text und seine Inhalte nicht mehr zählen, zur Disposition gestellt sind, vielleicht sogar vorab schon liquidiert werden?!

Und auch die Frage sei gestattet: Wo und bei wem sollen und können solche Freiheit, Lust und Unschuld denn Platz haben? Auf der Bühne, unter den Akteuren, im Publikum?

Der Anspruch eines spielerischen Umgangs, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit anderen künstlerischen Arbeiten ist eigentlich selbstverständlich; kreativen Prozessen ist immer eingeschrieben, aus der Dialektik von Negation und Konstruktion etwas ästhetisch Neues entstehen zu lassen. Und das war dann auch so bei der letzten Bremer Regiearbeit von Armin Petras´ und ich merkte begeistert auf und das dann auch erfreut an.

„Zwischen Zirkus, Tanz, improvisatorischem Spiel und karnevalistischer Verzerrung“ wolle man – so Simone Sterr weiter – „auf der Klaviatur der Theatermittel“ zeigen, dass „die Skizze, das Unvollkommene, der Dilettantismus entscheidender sind als die Perfektion.“

Folgt man verschiedenen Kritiken zur Stuttgarter Inszenierung, dann lässt sich auch für die Bremer festhalten, dass der musikalische Teil unter Leitung des vielseitigen Miles Perkin durchaus nicht dilettantisch, sondern vielmehr gelungen ist und die meiste Freude bereitet. Ebenso das multiinstrumentalistisch gut aufgelegte Ensemble, wo dann schiefe Töne auch mal durchaus stimmig sein können. Das legt doch aber die Frage nahe, warum die zitierte Tiger-Lillies-Version den Abend nicht stärker charakterisieren kann, sagt man ihr doch durchaus Brecht-Weillsches Format nach.

Was hier also als karnevalistisch und zirzensisch angekündigt, sieht man auf den Straßen in Rio oder Köln sowie in jedem besseren Provinzzirkus ansprechender und aufregender als auf der Bühne des Kleinen Hauses. Dilettantismus ist nicht unbedingt ein künstlerisches Allheilmittel, vor allem nicht, wenn ihm jegliche Ironie abgeht. Das gilt auch für etwa allzu schnell Hinskizziertes, nicht zu verwechseln mit der für die Künste essentiellen romantischen Fragment-Idee.

Wie häufig, wo und wann das Publikum aktiviert und partizipativ ins Geschehen einbezogen werden soll, ist nicht erst seit gestern eine grundlegende Frage des Theaters. Am Premierenabend bleiben es willkürliche, oberflächliche und also hoffnungslose Versuche. Auffallend auch das mitunter anzüglich aufdringliche Gestikulieren der Lulu-Darstellerin, dem Originalität gut stände. Diese Figur ist nichts von alledem, was sie eigentlich, geht es nach dem Faltblatt, auf der Bühne repräsentieren sollte: „Engel, Monster, Muse, Tier, Beute, Mörderin, Jägerin, Gejagte“. Sie bleibt eine bloße semantische Hülle, noch dazu im Berliner Vulgärjargon parlierend. Für sie wie für alle anderen Rollen fällt eine Entleerung auf – hin zu bloßen Karikaturen, wo – Schauspielerei außer Kraft gesetzt – die Charaktere zu Charaktermasken verkommen.

Selbst die kleine eigentlich skurrile Szene mit dem – ein Stuhlgewirr auf dem Kopf – herumwitzelden Simon Zigah in seiner Doppelrolle als Dr.Shunning/Vater offenbart: Das sind Witze ohne jeglichen Witz, einfach nur platt und peinlich. Und je mehr sich das Stück in die Länge zieht, desto doller springen und toben die sieben Darsteller*innen über die Bühne, überzeugend nur dank extremsportlicher Kondition. Lauter wird´s auch und wilder und greller, doch nicht im Sinne eines dramatisch beabsichtigten Höhe- oder Wendepunkts.

Dabei gab´s im ersten Teil des Abends durchaus schöne, auch eindrucksvolle Bilder, die sich vor allem um die erste Hochzeitszeremonie Lulus ranken. Hier – wie auch in „Love You, Dragonfly“ – zeigt sich großes Können des Regisseurs.

Nach dem fast zweistündigen Premierenspektakel kann man abschließend jedoch dem Kritiker der Stuttgarter Zeitung leider nicht wirklich widersprechen, wenn er mit solch einer "gewollt schäbigen, abgefuckten, in jeglicher Hinsicht alt aussehenden Gothic-Show" ins Gericht geht.

 

Theater Bremen Szenenfoto: Jörg Landsberg

Weiter in Bremen mit der „Lulu“ von Frank Wedekind, diesmal in der anderen Sparte als Oper von Alban Berg. Musikalische Neufassung des dritten Aktes von Detlef Heusinger. Premiere am 27. Januar. Man darf gespannt sein.

LULU So wenig.pdf
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