Pavillon der Ukraine
60. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia
"Die ukrainische Kultur steht für die Identität der Nation. Daher gehört es zum Kalkül der russischen Aggressoren, sie auszulöschen. Bisher ist der
Plan nicht aufgegangen – nie war das Interesse für die Kulturschaffenden der Ukraine so groß wie heute."
So die Einleitung von dlf kultur anlässlich des eigenen verdienstvollen ersten "Kulturpolitischen Salons" (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ukraine-krieg-kultur-100.html).
Alles Ukrainische soll - nach Stalin und Hitler so auch das Ziel von Putin - wiederum vernichtet werden. Deshalb auch die wiederholt gezielte
Bombardierung ukrainischer Kulturstätten. Und dazu werden auch im grausamen Aggressionskrieg Ikonen der russischen Kultur gegen die
Ukraine instrumentalisiert. Und die Entführung und russische Umerziehung ukrainischer Kinder, die Bombardierung von Schulen, Kitas, Kinderkrankenhäusern haben nur ein Ziel: die langfristige
Auslöschung von Volk und Staat der Ukraine.
Mit dem 24. Februar bin auch ich aufgewacht, nachdem die russische Aggression 2014/15 in wohliger Unwissenheit noch verschlafen worden war.
Seitdem nehme ich, nehmen viele die Ukraine, ihre Menschen, ihre Kunstschaffenden nicht mehr nebenbei wahr, etwa als Anhängsel sowjetischer, dann russischer Staatskultur.
Deren Bomben auf Land und Leute, Städte und Menschen der Ukraine verdanke ich eine (aufgefrischte) Erinnerung und, dass gelernt werde, es gibt zwar keinen unblutigen, jedoch einen gerechten
Krieg der Verteidigung und des Widerstands: Der Vietnam-Krieg setzte für unsere Generation ein Zeichen.
Der Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine und ihre Kultur hat in der Dialektik von Zerstörung und Aufbau genau auch jenen weltweiten Aufschwung
des Interesses und Engagements für die ukrainische Kultur und Kunst bewirkt.
KUNOs KUNST der UKRAINE gibt einen vielfältigen Einblick in die ukrainische
Kunstszene inner- wie außerhalb des Landes mit mehr als einem Dutzend Künstler*innen, einigen Kollektiven sowie Gruppenevents in Form von Ausstellungen oder Vorstellungen in
verschiedenen Publikationen. Hauptsächlich geht es dabei um Angehörige der Generation der Millennials, die sich in allen Kunstgattungen und -formen produzieren vor und während des
russischen Angriffskriegs seit 2014.
Dabei drängen sich immer wieder künstlerische Aktivitäten in den Vordergrund, jetzt da
ukrainische Kunst und Kultur so nachdrücklich en vogue geworden, die nachweisen, wie gut und rapide internationale Vernetzungen sich gestalten können.
Das zeigen nicht nur aktuelle Orchestertournéen aus Kiew und Odessa weltweit oder
die der siebenköpfige multiinstrumentalen und -lingualen Frauentruppe der Dakh Daughters, sondern auch die ZDF-Filmserie Himmel&Erde von ukrainischen Filmschaffenden unter
Beteiligung deutscher Kolleg*innen. Oder Aktivitäten wie die der Galerie Art East (Berlin/Kiew) mit ihrem Projekt Peace FOR Art (s.u.). Und die
Hauptstadt-Achse zeigt sich auch im Projekt des Magazins Solomya für ein "freies Leben der jungen
Ukrainer:innen und ihre Kunst". Interessant und wichtig gleichfalls die
aktuellen Ausstellungen in Deutschland wie die zur Fotografie in den Hamburger Deichtorhallen und im Berliner Museum Europäischer Kulturen. Und in aller Bescheidenheit auch die Online-Schau
hier auf kunoweb.
Für uns war die Begegnung mit dem international bekannten Künstler und Illustrator Sergiy Maidukov (*1981 Donezk) und seinen ersten im
ZEIT-Magazin und auf Instagram in Bild und Wort veröffentlichten Arbeiten seit März dieses Jahres ein wichtiger Ansporn zu dieser aktuellen Ausstellung
ukrainischer Künstler*innen. Seine Zeichnungen mitten aus dem Kriegsgeschehen waren eine Art Türöffner zu einer Vielzahl aus der eher jüngeren Künstlergeneration, die die Erinnerung an
die so jung verstorbene Malerin und zugleich Zeichnerin Tanja Kolinko, als die wir sie bei kunoweb 2015 vorstellten, mit unglaublicher ethisch-ästhetischer Energie neu aufladen und bereichern.
Wie die mit verschiedensten Materialien für ihre Videos und Animationsfilme arbeitende Dana Kavelina (*1995 Melitopol) und ihrem Umgang
mit persönlichen und historischen Traumata, Verletzlichkeit und Wahrnehmung des Krieges explizit im Brief an eine Turteltaube (2020).
Für sie alle findet Serhij Zhardan in seinem jüngsten Buch Himmel über Charkiw die Worte:
»Wir versuchen, uns dem Tod entgegenzustellen, wir versuchen, uns dem völligen Schweigen entgegenzustellen, wir nehmen uns das Recht, selbst die
Wahrheit zu sagen – die Wahrheit über diesen Krieg, über diese Zeit, die Wahrheit dieser Stimmen, die im Himmel vergehen und die Luft klarer und stärker machen.«
Oktober 2022
Paul Kroker
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Nach weit mehr als zwei Jahren ist diese Ausstellung weiter offen,
oben oder ganz unten auf dieser Seite: Bitte scrollen!
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marina baranova
Seit ihrer Kindheit übersetzt Marina Baranova die Bilder ihrer Märchenbücher am Klavier in Klangwelten. Die Fantasie der ukrainischen Komponistin
und Pianistin hat immer eine aktive Rolle in ihrer Musik gespielt. Auch bei Atlas of Imaginary Places (2022) überlässt sie ihr den Vortritt. Hier arbeitet Baranova mit dem dänischen
bildenden Künstler Christian Gundtoft und dem ukrainischen Schriftsteller Volodymyr Kompaniets zusammen, um mehr als nur ein Musik-Album zu konzipieren. "Ich wollte ein alternatives Hörerlebnis
schaffen", erklärt sie.
Anders als bei Konzerten, bei denen die Verbindung zwischen Künstler und Publikum mit dem letzten Ton endet, soll Atlas of Imaginary Places
dabei helfen, dass Assoziationen sich entwickeln können und neuer Gesprächsstoff entstehen kann. Auf einer eigens eingerichteten Website sind die drei dabei, eine ganz neue Welt zu entwerfen, die
mit allen Sinnen erkundet werden kann: visuell, erzählerisch und akustisch. Auf dass das Publikum „ein ganzes Universum für sich selbst entfalten kann." (Mehr im Subtext des Videos auf Youtube).
dana kavelina
Brief an eine Turteltaube (2020) ist eine künstlerische Aneignung von Amateuraufnahmen aus dem Krieg in der ukrainischen
Donbass-Region, zu einem surrealen Antikriegsfilm collagiert zusammen mit Kavelinas eigenen animierten Szenen und Archivmaterial aus dem Donbass ab den 1930er Jahren, als die Region zu
einem Brennpunkt der stalinistischen Industrialisierung der Sowjetunion und sog. Klassenkampfs wurde. Im Mittelpunkt des Films steht ein Gedicht: ein aus dem Off gesprochener Monolog,
der von Kavelina selbst verfasst (und von Sergey Levchin ins Englische übersetzt) wurde. Dieser Text umfasst eine Vielzahl von Traumata, Klagen und Anklagen, Schrecken und Halluzinationen seit
dem Einmarsch Russlands im Jahr 2014 in die Donbass-Region. All das nachhaltig aktualisiert seit der Eskalation am 24.Februar 2022,
mit der so viele völkerrechtliche, humanitäre Verbrechen und unsagbares Leid auf die Menschen und die Kultur der Ukraine niederprasseln.
serhij zhadan
Bereits seit mehreren Jahren engagiert sich Zhadan in sozialen und kulturellen Projekten in der Ostukraine. Derzeit lebt und arbeitet er in Charkiw,
organisiert dort Konzerte in U-Bahn-Schächten, in Krankenhäusern, für das Militär, rettet Menschen aus umkämpften Vierteln, liest Gedichte und verteilt Hilfsgüter. „Nachdenklich und zuhörend, in
poetischem und radikalem Ton“, fasst die Jury des Deutschen Friedenspreises 2022 zusammen, „erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges,
von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.“
Mehr: https://www.kunoweb.de/10-ukraine/
solomiya
In einem Leben im Ausnahmezustand haben junge ukrainische Künstler:innen etwas Besonderes geschaffen. Das Magazin Solomiya,
entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen Kiew und Berlin – und mit dem Anspruch zu zeigen, was es zu verteidigen gibt:
»Das freie Leben der jungen Ukrainer:innen und ihre Kunst«.
Solomiya 1, 128 Seiten/ 23cmx31cm/ Selbstverlag, 128 S./Juni 2022 ist aktuell ausverkauft,
aber konzipiert als Wanderausstellung und Kunstobjekt an sich. So bleiben und allen einige Bilder aus dem Web.
Mach mit, Kleener, Zeit für Gehirnwäsche!
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tanja kolinko
online-show
bei KUNO 2015
mykyta lyskov
n 14 atemberaubenden, beinahe irrwitzigen Minuten zeichnet Mykyta Lyskov (*1988, Dnipro/ Ukraine) ein Bild seines Heimatlandes: Ein
amerikanischer Weißkopfseeadler wirft über einer Stadt ein Ei ab, dessen Aufprall für einen aufsteigenden nuklearen Fliegenpilz sorgt. Genosse Lenin platzt der Schädel. Ein von sich
Überzeugter macht einen Kopfsprung in einen wasserlosen Pool und allerorten werden die Fassaden blau-gelb übertüncht. Die Verwerfungen eines zuweilen chaotischen, aber immer anstrengenden
nationalen Selbstfindungsprozesses bringt Lyskov in seiner 2D-Animation auf den Punkt - so die leipziger-medienstiftung.de über den Gewinner 2019 im Wettbewerb "Next Masters - kurzer
Dokumentations- und Animationsfilm" und seinen Animationsfilm Deep Love (Originaltitel: Kohannia).
Dakh Daughters, seit 2012 ein ukrainisches Musik- und Theaterprojekt aus Kiew. Sieben multiinstrumentale und -linguale Frauen gern
mit Texten berühmter Autoren wie Shakespeare, Brodsky, Bukowski. Gut bekannt
in verschiedenen ukrainischen Städten sowie im Ausland. Frühjahr 2022 und Anfang 2023 am Hamburger Thalia Theater und online bei KUNO:
kunoweb.de/m%C3%A4rz/.
yarema malashchuk & roman himey
In der Dramaserie "HIMMEL & ERDE – Небо та Земля" erzählen ukrainische Filmschaffende 5 Geschichten von Ukrainer*innen. Sie handeln von Heimat,
der Angst um geliebte Menschen, aber auch von Hoffnung.
vadim neselovskyi
Auf dem neuen Album Odesa (2022) von Vadim Neselovsky (*1977 Odessa, jetzt USA) "siegt die Hoffnung. Da gibt es schöne,
humorvolle Songs wie einen Waltz of Odessa Conservatory und ganz am Ende eine elegische Nummer, die den Aufstieg der Stadt aus der Asche symbolisiert: The Renaissance
of Odessa. Man muss das Album anhören, als sei es ein Hörbuch, jeder der zwölf Titel erklärt etwas, wenn man bereit ist, die Musik auf sich wirken zu lassen."
Das Konzert beginnt: 27:45
nikita kadan
Nikita Kadan, Die Chronik (2016), Zeichnungen, Tinte auf Papier, aus der Sammlung M HKA, Antwerpen.
Es handelt sich um eine große Erinnerungsarbeit an die Opfer des Lemberger Pogroms der jüdischen Gemeinde, die polnischen und ukrainischen Opfern
des Massakers in Wolhynien, die Opfer des NKWD sowie von Zivilisten und Kriegsgefangenen, die unter der Nazi-Besatzung ermordet wurden.