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Mord ohne Ende

Eine Welturaufführung beim Filmfest in Bremen zu einem Massenmordfall in dieser Stadt vor fast 200 Jahren, mit einer fast schon ihre Tat bekennenden Bremerin im Zentrum plus einer Vielzahl historischer bremischer Ingredienzien – das ist natürlich was anderes als ein Heimspiel, das zeitgleich zur Premiere die Fußballmannschaft im Werderstadion verlieren sieht. Hier kann man im überfüllten Kinosaal allerdings nur gewinnen. Und ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

Denn das ist ein deutsches Independent-Produkt für schlappe 400.000 Euro, also einem aus eigenen Mitteln nur mit großer Mühe zu stemmenden Budget, ohne Förderungen und das für einen 92-Minuten-Film. Mit einer stattlichen Crew an Schauspieler*innen, die das Publikum wesentlich aus dem privaten und öffentlichen Fernsehen kennt. Das Gesamtteam ist 85 Personen stark, die Produktion durchaus international mit Schnitt in Hollywood und Musik vom Prager Sinfonieorchester. Das alles wie vieles andere unter hohem Kostendruck, so der Regisseur bei der Präsentation in der Bremer Schauburg bei dieser, seiner ersten filmischen Produktion. Auf Originalschauplätze musste also verzichtet werden, man drehte fast ausschließlich in einem Palazzo in Meck Pomm. Mit einem bissken Bremer Lokalkolorit hie und da.

Viel mag also dieses enge Finanzkorsett erklären. Hinzu kommt allerdings auch, dass Udo Flohr mit dieser Regie ganz am Anfang seiner Filmkarriere steht. Der Drehbuchautor Peer Meter allerdings ist ein gewiefter Kenner der Materie, hat lange die historischen Quellen erforscht, ein Sachbuch darüber geschrieben, auch ein Theaterstück sowie den Text einer Graphic Novel mit den Zeichnungen von Barbara Yelin unter dem Titel Gift. Viel Vorarbeit für den Film war bereits getan. Und so öffnet sich der Blick auf die sozialhistorischen und psychologischen Hintergründe eines Falles, der, obwohl die Täterin 1931 auf dem überfüllten Marktplatz öffentlich hingerichtet wurde, eigentlich immer ungeklärt blieb und bleibt.

Wie konnte sie es schaffen, über ein Dutzend Menschen, darunter ihre eigenen Kinder und Eltern, mit arsenversetzter Mausbutter zu Tode zu quälen, zu töten und zu begraben – der Drehbuchautor kennt dafür das Fachwort: das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

 

 

Einige starke Bilder verdanken sich dem Kamerateam unter Leitung

von Thomas Kist, besonders das für das englischsprachige Plakat.

 

 

Doch selbst wer das kennt, erfährt auch im Film wenig mehr über die persönliche Dimension einer zutiefst tragischen Konstellation: Nämlich dass diese Gesche Gottfried getrieben ist, nicht einmal sonderlich im Geheimen, Menschen zu pflegen und umzubringen. Nur ganz beiseite klingt mal so etwas wie ein Motiv an. Dabei ist der Fall ja auch heute noch eine ganz aktuell. Nicht einmal sonderlich im Geheimen vollzieht sich so etwas ja, weder bei der Gottfried noch bei jenem Pfleger aus Delmenhorst– und hier deuten Buch und Film klar auf vernachlässigte Verantwortung gesellschaftlicher Institutionen hin.  

Aber das macht noch keine gute Filmstory. Wir merkten schon an, dass es dem Streifen keineswegs an Dokumentation und Einsicht in soziale Zusammenhänge der Zeit fehlt. Aber alle Figuren, Männer wie Frauen, mit Ausnahme etwa des Senators Droste (Christoph Gottschalch) und der Protagonistin fehlt es an psychologischer Tiefe, sie bleiben flach, einseitig, oberflächlich. Ihre ökonomischen Interessen werden durchaus offensichtlich, soweit es die Bremer Bürger betrifft, so vom hinkenden Kapitän, einem Lobbyisten der Meereswirtschaft, wie auch vom eisenbahnbegeisterten Senator.

Und auch die Frauenfiguren bestechen nicht so wirklich, dabei scheint allerdings intendiert, als sollten sie hier einen Vorgeschmack liefern auf das eigentliche starke weibliche Geschlecht kommender Zeiten. Weshalb die Filmemacher keineswegs schlecht beraten sind, eine starke weibliche Erzählerstimme und -figur, die fiktive Avantgardistin Cato Böhmer (Elisa Thiemann) einzuführen, die als juristische Fachkraft ihre Sache gut macht, sehr gut sogar. Aber als Frauencharakter erfährt man doch zu wenig von ihr, bleibt sie insgesamt blass. So dass der Epilog sich sehr konventionell und überflüssigerweise bemüht sieht, noch ein paar Daten nachzuliefern.

Ein stärkerer Auftritt wird der Figur der Gesche (Suzan Anbeh) gestattet, die ihr feminines Faszinosum voll ausspielt, eine erotische Ausstrahlung, die im kühl-keuschen Bremen wenig Anklang findet. Auf dass es dann bei einem tieferen Kamerablick in den Ausschnitt ihres Nachthemds bleibt. Die Gestaltung der Protagonistin als verführerisch, stets im Bett oder in eleganter Garderobe, widerspricht so ganz den zeitgenössischen Abbildungen der realen Person, aber auch aus der Graphic Novel kennen wir sie als eine Frau mit hagerem, fast schon an Munch erinnerndem Gesicht. 

 

Der Tragödie ihrer seelischen Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen, das gelingt Suzan Anbeh sehr wohl, doch schließlich muss sie dann bei der Dame mit jenem gewissen Etwas verharren. Mehr scheinen ihr Buch und Regie nicht gestatten zu wollen. Doch genau hier wäre es darauf angekommen, mehr zu riskieren, einen Schritt weiter zu gehen, nicht um das Geheimnis zu lüften. Nein, um tiefer die vielfältigen Verstrickungen eines Menschen zu zeigen. Das machen die unzähligen TV-Krimiserien viel besser, die mittlerweile nicht mehr auf die psychologische Ausgestaltung wenigstens ihrer Protagonisten verzichten wollen. Denn die Zeiten von trocknen Bürohengsten wie Derrick oder Hundehalterkommissaren sind endgültig vorbei.

 

Und da es ja auch in Effigie um einen Kriminalfall geht, wären ein bisschen mehr Pep und Thrill nicht unbedingt zu verachten. Der Titel Effigie – das Gift und die Stadt ist allerdings nicht ohne, erinnert er doch an das Fassbinder-Stück von 1976 und gewinnt durchaus rätselhaften Charakter, kennt man doch das lateinische in effigie heute nur noch als fach- oder bildungssprachlich im Sinne von symbolisch.

 

Das Publikum war´s dann zufrieden und entlässt das vielköpfige Team auf der Bühne mit warmem Applaus aus einem klimatechnisch überhitzten Saal.

 

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