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Schreiben im Web

„Mit Hochdruck erscheinen und verschwinden Texte im Netz. Stop – dieses Buch ist ein Screenshot“ (Umschlag). Anfang des Jahres erschienen, ist es die Print-Dokumentation einer Tagung der Bayerischen Akademie des Schreibens im Literaturhaus München vom Dezember 2017. Thema: Literarisches Schreiben in digitalen Räumen. Für mich als digitalen Immigranten eine sehr nützliche Publikation, auch wenn die Lektüre ab und an nicht ganz unbeschwerlich war. Zu einer summarischen Vorstellung des Bandes verweisen wir auf den gelungenen Text und Podcast von Anne Kohlick für den Deutschlandfunk:


Von besonderem Interesse sind in diesem Band erstmal solche Aussagen über Grundlagen kybernetischen Textverständnisses wie sie im Beitrag von Hannes Bajohr geleistet werden: „Sagen, hören, lesen – Über digitale Literatur“ (S. 99 ff), die dem digitalen Zugreisten eine Grundschulung verpassen:

 

  „Digitale Literatur…ist Literatur, die weiß, dass heute alles Text ist…

Die Welt im Digitalen ist eine Welt aus Text, denn jedes Bild, jeder Ton, jedes Video, ja jedes Textdokument ist selbst nichts als alphanumerisch codierte Information...“. So ist zum Beispiel „das Steuerzeichen für einen Zeilenumbruch 0x0a nur ein Stück Code unter vielen“. (104)

 

Bevor der Autor dann ein Beispiel eigener literarischer Produktion im Netz vorstellt, benennt er zunächst einmal den Unterschied zwischen den Begriffen digitale Literatur und Internetliteratur:

 

„Digitale Literatur beschäftigt sich…mit den Prozessen der Digitalisierung als Technik und als Weltwahrnehmung überhaupt; Internetliteratur ist, enger gefasst, die Literatur, die aus den Dynamiken des Netzes als sozialer und technischer Struktur erwächst.“ (110)

 

Was konkretisiert wird anhand einer ausführlichen Beschreibung der Erarbeitung eines literarischen Textes mithilfe des Webscraper Kimono, mit dem ein Textkorpus zusammengestellt wird. Aus ihm werden dann mit einer selbst geschriebenen Programmiersprache alle korrekten deutschen Wörter entfernt und schließlich wird das durch einen weiteren Filter auf eine bestimmte Vokal- und Konsonantenfolge reduziert. Hier auszugsweise ein Resultat:

Zweifellos ein technisch-ästhetisches Verfahren, welches originäre Internetliteratur generiert, die durchaus an dadaistische oder konkrete Poesie erinnert. Der Autor gibt dann noch weitere Beispiele seines netzliterarischen Schaffens; auf ihn folgend auch andere Beiträger*innen wie Andreas Bülhoff, Franziska Hauser, Dagmara Kraus., alle zusammengefasst unter dem Titel „Kybernetik als Dichtkunst. Elektronische Schreibverfahren“.

In der letzten Abteilung des Bandes, betitelt „Politische Interventionen. Das Internet als Agora“, findet sich eingangs ein Interview von Nora Zapf, einer der beiden Herausgeberinnen, mit der mikrotext-Verlegerin Nikola Richter. Sie führt auf die Frage nach dem politischen Gehalt der Netzliteratur aus:

 

„So wird vielleicht wieder etwas sichtbar, was man eigentlich aus dem 18./19. Jahrhundert als Salonkultur kennt, nämlich einen halböffentlichen Kreis aus Interessierten, persönlich Vernetzten, heutzutage aus einer literarischen Internetgesellschaft. Das Besondere ist, diese Threads sind nachlesbar. Man muss ihnen nicht in Echtzeit folgen, es geht auch zeitversetzt. Das Politische daran ist, dass dieses Lesen und Schreiben enthierarchisiert ist; jede/r kann lesen und schreiben, bezahlt aber mit den eigenen Daten dafür.“ (149f)

 

Eine Überlegung, die besonders durch den historischen Rückbezug Tiefenwirkung entfaltet.

Abschließend kommen in diesem Kapitel noch weitere Autorinnen zu Wort, die sich u.a. mit Diskriminierung und Rassismus im Netz auseinandersetzen unter dem Hashtag #meTwo (Ronya Othmann). Und Lena Vöcklinghaus endet ihren ausführlichen Beitrag mit den Worten:

 

„Es gilt also, die Regeln des Gesprächs um gerechte Teilhabe weiter zu beobachten, um auch die versteckten Formen des Sexismus und der Misogynie zu verstehen und zu verändern – sowohl bei sich selbst als auch im eigenen Umfeld.“ (181)

 

 

Den Band beschließt die Verlegerin und Autorin Christiane Frohmann mit „Präraffaelitische Girls erklären heimlich-unheimliche Ikonografien“, um für Literaturbetrieb, Soziale Medien und Geisteswissenschaften terminologische Flurbereinigung zu betreiben. Im Sinne von: „Cis Mann + Verlagsveröffentlichung = AUTOR / Cis Frau + Verlagsveröffentlichung = SCHREIBT GERN“. 

Als Webredakteur unseres Kulturvereins befasse ich mich im Rahmen unserer Aktivitäten des Kunst- und Kulturaustauschs in erster Linie mit der journalistischen und medialen Vermittlung einer Vielzahl künstlerischer Ereignisse. Und das Schreiben im Web zu medialen Kulturereignissen bezieht sich bei uns im Wesentlichen auf Posts in den Sozialen Medien, Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest. Und auf Rezensionen im Blog.

Die Lektüre der Beiträge dieses Buches bestätigt, woran wir nie zweifelten, nämlich dass unsere Texte im Web natürlich nicht literarisch sind, sondern Schreiben über Literatur, Kunst und Kultur, was im traditionellen Sinne bestenfalls als kreativ bezeichnet werden kann. In diesem Zusammenhang gebührt den Herausgeberinnen Dank für den im Vorwort benutzten Begriff der „Kombinationstechnik“ in Anlehnung an Kenneth Goldsmith und seine „Hymne an die Appropriation, Replikation, Piraterie, Plünderung, an das Plagiat als kompositorische Methode“, wie es Mithu Sanyal definiert.

Auch der vorliegende Text für den KUNO-Blog weist netztypische Merkmale in Bezug auf die Technik des Verweisens und Zitierens, also des Einfügens in den Fließtext auf. Das ist nicht nur ökonomischer, sondern bereichert den medialen Zusammenhang dank auch der Nutzung der drei neu konnotierten P´s von Sanyal. Plus des medialen Collagierens von Texten.

Zum Abschluss: Immer wieder erfahre ich nachdrücklich, wie die technischen Möglichkeiten digitalen Schreibens Reflexion, Formulierung und Konzeption der Textgestaltung befördern. Ganz im Sinne von Heinrich v. Kleist: „Der Gedanke kommt beim Reden.“ Und beim Schreiben. Eben.

 

                                                                                                           Paul Kroker

 

 

 

Post Skriptum

Die Künstlerin und Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, die auch im besprochenen Band (S.45 ff) vertreten ist, hat ihre twittrigen Kurztexte „Statusmeldungen“ 2017 bei Rowohlt veröffentlicht. Hier ein Auszug, es liest die Autorin:

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