Rabenschwarzes Jahr für die Kultur - Bilanz 2020 und Forderungen



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KFS 2021

 

 

 

 

 

 

Um sich einen Eindruck von der wundervollen Komposition zu verschaffen - natürlich nicht ausgeführt von den Musizierenden in Herrenhausen: das war erstmal nur im Livestream zu hören -, veröffentlichen wir hier zwei Videos, unterbrochen von dem Text zum Konzert der KFS Herrenhausen.

Neben seinen inzwischen 13 Alben und EPs entstanden eine Vielzahl an Soundtracks für Filme und Dokumentationen mit teils weltweiter Ausstrahlung. 2016 komponierte er Tracks für Les Métamorphoses de Mr. Kalia, ein digitales Kunstinstallationsprojekt, das von Béatrice Lartigue & Cyril Diagne von Lab212 realisiert wurde. Das Projekt wurde von Google ausgewählt, um auf der Ausstellung „Digital Revolution“ im berühmten Barbican Centre in London präsentiert zu werden.

www.chapelierfoumusic.com

 

Und weitere Events mit dem verrückten Kapellmeister:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Paul Kroker

Eine singuläre Floßfahrt

 

 

Bereits bei der Anfahrt zu den Kunstfestspielen Herrenhausen an einem regenreichen, gewittrigen Freitagabend, als uns gewaltige, donnernde Regengüsse noch vor Hannover  die Sicht auf die Fahrbahn versperrten, wurde unsere Vorfreude bis auf ein Minimum weggespült. Zwar nicht ganz, denn wir waren auf Schlechtwetter eingestellt und dafür gerüstet. Doch das Picknick vorweg müsste entweder ganz ausfallen oder behelfsmäßig im Wagen abgehalten werden.

Dank des unwetterfreien Zeitlochs allerdings war uns nicht nur das Picknick unter freiem Himmel möglich, sondern auch der Spaziergang am immer noch warmen Frühlingsabend durch die sich verdunkelnden Herrenhäuser Parkanlagen zur Anlegestelle an der Graft, wie in alten Zeiten solch ein Wassergraben um ein Schloss geheißen.

Eine vergessene jahrhundertealte aristokratische Tradition konnte für einige Wochen hier eine Renaissance erleben dank eines Konzepts der Künstlergruppe YRD Works namens Current Tours für eine Auftragsarbeit seitens der KunstFestSpiele. Nicht nur entwickelten die drei in Offenbach ansässigen Künstler die Idee dazu, sie bauten auch das Gefährt aus Holz mit neun überdachten Kabinen für jeweils ein bis zwei Personen - je nach Nachfrage und Pandemie-Auflagen. 

22.00 Uhr. Und in den Gärten erstrahlen die vielen Fontänen und setzen ihre Lichtpunkte in die Nacht. Strahlend weiß auch das Elektroboot, das bei Tage einen kleinen Wassertempel erinnern lässt, und nun auf dem erstaunlich breiten Graben zur Rundfahrt ablegt mit zwei der YRDler an Bord.

Behutsam gleitet das Boot nun durch die Nacht, schwarz das Wasser.  Anfangs noch ein Quaken hier und da, sonst kaum ein Geräusch, nicht vom Wasser, nicht vom Motor. Keine Mücke stört. Körper und Geist möchten sich so gern dem wunderbaren Moment ergeben, des langsamen Fließens von Zeit und Bewegung.

 

 

Genießendes Dahingleiten erfährt aber zugleich vielfältige visuelle Verführungen: Lichter, Reflexe, Schatten und Schemen der verschiedensten Art wollen, nein: müssen fotografisch gebannt werden. Zu schön, diese Bilder hier zu erleben und später dann wieder auf sich wirken zu lassen.

Und erstaunlicherweise nehmen einige der Fotografien noch das letzte Tageslicht mit. Doch auch die dunklen können magische Bilder vorstellen. Es ist dieses Dunkel absoluter Ruhe, was den Fotografen erfasst und sich so erlösend abhebt vom Dunkel seiner Erinnerungen an Spreewaldgräben, an das Mississippi-Delta und die Ursprünge der Donau.

Dieses Wässerchen hier lässt sich jedoch nicht trüben.

 

 

Jedoch die Genüsslichkeit des Ganzen bekommt es auch noch gehörig auf die Ohren! Die über verschiedene Tonspuren per Kopfhörer zu erlebende Soundcollage des Hörstücks über Funk, die dank einer spezifischen Software Töne, Klänge, Musik, Sprache und Gesang variierend mischt, ist musikalisch und klanglich durchaus, wenn auch nicht durchgehend dank der Pausen zum Beispiel, ein Kontrastprogramm zum visuellen Erleben. Und das auch von den Inhalten her: Versatzstücke aus einem immer undurchdringlicheren Dschungel der Finanzwelt, die so durcheinander gewirbelt werden, dass einem das Gehirn schwirrt und nur noch  Urbedürfnisse wie Habgier haften bleiben, Beispiel der Song von Les Trucs, den wir aber so in Gänze erst hier erleben können:

 

 

Dieser performative Akt der Current Tours ist ein "genreübergreifender Hybrid aus partizipativer Performance, sozialer Skulptur, generativem Hörstück und mobiler Bühne", wie YRD.Works weiter unten selber verlautbaren, dabei den mittlerweile inflationär gebrauchten Begriff des Gesamtkunstwerks vermeidend, auch weil der nicht unbedingt  eine Interaktion mit dem Publikum abdecken muss, was hier aber der klare Fall ist.

 

Darüber hinaus ist es wohl nicht vermessen, diese Wiederkehr eines historischen Amüsements, dies sich Verlustieren in nächtlicher Natur, wie es die Dichter des 17.Jahrhunderts zu sagen pflegten, als ein Stück Erinnerungskultur seitens der freien Künste heute zu würdigen, dem Nachempfinden durchaus nicht schlecht anstünde.

 

Inspirierende visuelle Momente

 

 

 

Lichter an Bord

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fragen über Fragen

 

Der Künstler, aktuell auch noch im Wolfsburger Kunstmuseum vertreten (https://www.kunstmuseum.de/ausstellung/mischa-kuball-referenzraeume/), hatte mehr erwarten lassen als ein meterlanges zunächst erstmal durchaus beeindruckendes Deckenvideo (hier unten). Eine Aufwertung der Videoarbeit durch die im Titel angesprochenen lost Kunstobjekte, die ab und an als antike Vasen und Skulpturen heranschwimmen, dabei ihre eigentliche Dreidimensionalität verloren haben (lost ?) lässt sich nur schwer ausmachen.  Und man fragt sich doch, auch um das Ganze nicht vorschnell als Attrappen-Show abzutun: Wieso lagern all diese losts nicht auf dem Meeresgrund, sondern schwimmen in Endlosschleife heran und wieder weg? Wieso schwimmen die überhaupt? Soll per künstlerischer Fiktion die Erdanziehung unter Wasser aufgehoben werden? Oder ist das ein metaphysisches Spiel mit den toten Körper der Dinge und Menschen, von der Phantasie des Künstlers erdacht?  Wiederbelebt lässt sich bei diesen Reglosen kaum sagen. Geht es vielleicht, mal so recht ökologisch angenommen, um die Verschmutzung der Weltmeere, die sich dann allerdings hier recht niedlich ausnähme? Oder soll hier schließlich die Waffe der Ironie zum Einsatz kommen, nur was will sie ironisieren?

 

 

 

Natürlich geht so etwas auch ohne aufgesetzte außerkünstlerische Referenzen wie das  durchaus vergleichbare Projekt Ekstase II von Lotte Lindner und Till Steinbrenner zeigt, das wir letztes Jahr in Braunschweig anschauen durften. Ohne Vorhaltungen und Vorschriften lässt sich hier verstehen, wie im vergleichbaren Medium ein Kunstwerk entstehen kann, das sich des Attributs der Erhabenheit durchaus nicht schämen muss.

 

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