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TiA 2021

 

The Mangrove Family                                                          Paul Kroker

 

Mit Mailles beim Berliner Tanz im August warten Dorothée Munyaneza und ihre Compagnie Kadidi mit einer choralen Performance für afrikanische und Afro-Künstlerinnen auf, bei der jeder Körper und jede Stimme vom eigenen Lebensweg, dem persönlichen Engagement und von individueller Kraft und Stärke erzählt. Als Einzelne wie auch als Kollektiv repräsentieren sie, was es heute bedeutet, eine Frau, Schwarze und Afrikanerin zu sein. So entstehen jene Mailles, die Maschen eines Gewebes aus Erinnerungen, Sprachen, Empfindsamkeiten und Geschichten aus dem Heute - immer auf der Suche nach Heimat. Oder ist ihr Weg gar das Ziel? Musik, Gesang, vielsprachiges Rezitieren, Kostüme und Requisiten, werden auf der Bühne zu einem großen Ganzen, um Frauen in der Freiheit ihrer Körper zu präsentieren. Welturaufführung war 2020 in Belgien, jetzt sind sie zurück aus Paris und waren Mitte dieses Monats für zwei Tage bei Tanz im August in Berlin.

 

 

Mailles ist eine Show von Frauen, ob Künstlerin, ob Intellektuelle, sie kommen aus allen Teilen der Welt und sind engagiert im umfassendsten Sinn. Dorothée Munyaneza ist den fünf anderen im Laufe der Jahre begegnet und hat mit jeder von ihnen tiefreichende Gespräche geführt über intime Geschichten, Kulturen und Künste, über Empfindungen aller Art, auch über Wut und Liebe. Heute bringen sie das alles auf die Bühne, um ihrer Reise, der Gewalt von Geschichten und Geschichte eine kraftvolle Stimme zu verleihen. Um vom Kampf zu erzählen auch aus Gegenden, wo ihnen Ablehnung und Schlimmeres entgegenschlug. Damit und dabei wollen sie ihre Frauenpower lobpreisen als treibende Kraft in der Kunst wie im Leben. Sie zelebrieren dies geradezu als eine große  Feier ihrer Körper, die den größten Teil des Abends einnimmt, jenes Geflecht von Sprachen und Stimmen, Tönen und Klängen, Melodien und Rhythmen, von Tänzen, selbst von Flamenco, von Tüchern, Bändern und Gewändern in leuchtenden, intensiven Farben - selbst noch als lebhafter Nachhall auf der leeren Bühne drapiert und ausgeleuchtet, wenn die Performerinnen schon längst abgetreten sind.

 

Das Erinnern an die tagtägliche Gewalt gegen Frauen bis zum Völkermord in Ruanda (2014), dem Kindheitstrauma der Choreografin Dorothée Munyaneza, bestimmt ihr eigenes Leben und das ihrer Compagnie im künstlerischen Schaffen noch heute, aber nicht als Klage oder gar Anklage von Opfern, vielmehr ist das der Urgrund, sind das "Potentiale der Regeneration, die den Ton zu Mailles angeben", wie es die panafrikanische Philosophin Arlette-Louise Ndakoze nennt, zur gemeinsamen Zelebrierung des Weiblichen und der Freiheit ihrer Körper, wie sie nicht müde werden zu erklären. Auch im Videogespräch beim Holland-Festival vor ein paar Monaten:

 

 

Der Abend beginnt mit der Verkündigung "We are a mangrove family". Diese schöne personifizierende Metapher für eines der produktivsten Ökosysteme und Habitate und ihres extrem verschlungenen Wurzelsystems, das Kahlschlag und Klimakrise noch zu trotzen vermag, dieses eindrucksvolle Bild ist ihr Manifest von Kunst als Leben und Leben als Kunst, dem sich dieses Künstlerinnen-Team verschworen hat.

Verschiedenste Glocken und Glöckchen läuten dann die Zeremonie dieses Abends ein, mal schwächer, mal stärker, dann schon fast ekstatisch. Ganz plötzlich der abrupte Abbruch - ein hallender, knallender Flamenco-Schritt, der doch nur das Startzeichen ist zu rhythmischen Tanzbewegungen aller Art, allein, zu zweit bis zu direkt erlebbaren Momenten der Verzückung, aber auch zur ironischen Kolportage von Tieren. Hineingewebt lyrische wie essayistische, autobiografische Textpassagen zur Befindlichkeit der Tänzerinnen, die eine Erinnerung von Leichtigkeit, des Schwebens aufruft, auch eine tiefverankerte Lebensfreude in einem großen Spiel, einer Metamorphose der Farben und Formen. Und einer spezifische Form der Poesie, Zitat aus dem Skript von Mailles: "I dreamt I stood on your body and made language an ocean/ remember hope is everywhere/ we are multitudes".

 

Das Stück selber ist vielleicht auch als ein Work-in-Progress zu verstehen, das Mutationen durchlaufen kann, die es kreativ fortschreiben, wie die Tatsache, dass das poetisch-elegante Solo für die Comédie de Sain-Étienne (s. u.) zumindest in der 2. Berliner Aufführung fehlte. Und vielleicht doch ganz bewusst, weil hier nur eine Etüde gefilmt wurde.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Fulvia Milton (Samstag, 21 August 2021 10:40)

    Rich in information, full of details, a lot of food for thought. And emotionally compelling.