... am 8.Februar 2026, wenn sich zum 150. Mal ihr Geburtstag jährt. Nämlich der von Paula Modersohn-Becker (1876-1907), der großen deutschen Malerin des 20.Jahrhunderts. Sie spielt hier auf mit der Gouache eines in ihrem Werk eher verwunderlichen Männer-Sextetts, „Musiker auf einer Empore“ von 1898. Und es ist genau ihr Spiel mit Figuren, Formen und Farben.
Eine weitere Inspiration findet unsere Hommage in dem Titel einer anderen Ausstellung vor mehr als einem Dutzend Jahren, einer Gruppenaustellung internationaler Künstlerinnen: "Sie.Selbst.Nackt.". Mit dabei Paula und ihr "Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, jenem Halbakt als Künstlerin von 1906.
sie selbst nackt versteht sich in unserer Schau keineswegs allein und hauptsächlich als körperliche Nacktheit, sondern eher als unverblümter Anspruch auf ein freies Leben und Schaffen als junge Frau und Künstlerin zwischen der damaligen Kunstmetropole Paris und dem moorigen Worpswede mit seiner männlichen Avantgarde, der Rainer Maria Rilke ein Denkmal setzt, ungeachtet der Künstlerinnen in seiner engsten Umgebung, der eigenen Frau und Bildhauerin Clara Westhoff (s.u.) sowie der Freundin von beiden, Paula Modersohn-Becker.
Mit sie selbst nackt wird ihr allzu kurzes Leben als Künstlerin, Frau und Mutter auf eine ebenso knappe Formel zusammengeschnurrt für ihren unbeugsamen Willen und Wunsch nach unabhängiger Künstlerschaft.
Ein kurzer Überblick über Leben und Werk von der Kunsthalle SCHIRN, 2022
Vierzehn Jahre eines Bildschaffens, das verschiedenen Stilrichtungen der Avantgarden jener Zeit zugeordnet werden kann, jedoch nicht in einer einzigen aufgeht. Anklänge an Paul Cézanne, dem es weniger um die Motive als vielmehr um ihre Wahrnehmung geht. Ihm, dem allseits verehrten „Vater von uns allen“ (Pablo Picasso) und „lieben Gott der Malerei“ (Henri Matisse).Mit ihm waren sich auch der Dichter Rilke, und die Malerin Paula einig. Sie schöpfte jedoch immer, wie ihre rund 750 überlieferten Arbeiten zeigen, aus verschiedenen Quellen, um zu ihrem künstlerischen Selbst zu finden.
Was sich schlagartig verifizieren lässt anhand Paulas „Selbstbildnissen“ sowohl der Porträts, von denen wir hier ein halbes Dutzend zeigen, wie auch der beiden Selbst-Akte weiter unten, die präsentiert werden im Rahmen eine Reihe anderer Frauenakte und einem seinerzeit ungewöhnlichen Akt zweier Knaben, verfremdet dank abstrakter Farbtupfer (weiter unten).
Eigenwahrnehmung funktioniert im Alltag allenthalben vorm Spiegel oder anhand von Fotografien und nur ausnahmsweise bei spontanen Gemütsregungen. Was geschieht emotional einem künstlerischen Ich im schöpferischen Prozess eines eigenen Porträts oder Akts? Jedenfalls verlangt es Courage, Sensibilität und Können.
Und genau das lässt sich an Paulas Porträts nachvollziehen. Am krassesten bei einem Vergleich dreier Porträts einmal der berührenden impressionistischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit von 1887/88, dann der dunkeldumpfen mit schräger, fast sechseckiger Kopfform in Paris von 1900 und schließlich dem geradezu karikaturartigen farbigen Entwurf von 1905.
Die anderen vier stammen aus 1907, dann zweimal 1905 und 1903.
Die zuetzt zugefügten beiden sind dann aus 1897 (links) und 1906/07.
Bei allen Aktbildern Paulas ist ihre körperliche Unbefangenheit auffällig, besonders für sie als Frau in wilhelminischer Zeit. Bei den beiden Arbeiten von 1906 zeigt sie dann auch zudem, wie einer simplen Wiedererkennung in ihrem „Selbst-Bildnis" durch verschiedene Eingriffe der Verfremdung entgegengewirkt werden kann.
Im „Stehenden Akt mit Hut“ (1906) ist die Physiognomie der nackten Figur von Kopf bis Fuß weitgehend aufgehoben, das Gesicht nur eine plane Farbfläche und der Hut nur annähernd auf den Kopf passend. Zugleich aber sind auffällig einmal die farbige Kopfbedeckung mit ihren bis zu den Knien reichenden Bändern sowie dann besonders die orangefarbenen Früchte zwischen den Brüsten und vor dem Bauch.
.
Auf dem ikonischen, zu damaligen Zeiten für eine Frau und Künstlerin unzulässigen „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, ebenfalls von 1906, dagegen zeigt sich eine deutlich erkennbare Paula freundlich mit leisem Lächeln. Was eventuell auf den Gemütszustand der Künstlerin, die sich beim Malen ja selbst im Spiegel sieht, hinweist. Und auch wie sie sich im wahrsten Sinne eine Schwangerschaft 'anmalt'. Zu beachten dabei die gern übersehenen krassen ironischen Lichtreflexe auf der linken Hand über der Wölbung des Bauches. Und schließlich ihre fantasievolle Datierung hinsichtlich Hochzeitstag wie Bildproduktion. Mit diesem mehrfachen Tabubruch zu damaliger Zeit hat sich Paula schlicht in die Kunstgeschichte eingemalt.
Gern dazu auch das Video.
Weitere oft zitierte Aktbildbnisse "Liegende Mutter mit Kind 1906", der weibliche Rücken- und der frontale Akt von 1900, der stehende (1905) und der sitzende Akt (1899). Die zwei nackten Jungen datieren um 1902.
Immer wieder als ein Lieblingsbild von spontaner Faszination, das „Brustbild einer Frau mit Mohnblumen“ (1898) mit schräg gegenläufigen Haltung von Kopf und Schulter. Das Schwarz des Kleides scheint alles zu verschlucken, ist zugleich jedoch idealer Hintergrund zweier farbiger Blütenköpfe. Vielmehr verrät diese Frauenfigur nicht. So wenig wie alle anderen weiblichen Figuren in dieser Abteilung, verharrend in ihrer stilistischen Besonderheit gerdezu starr frontal wie abgewandt als „zeitlose Kompositionen wesenhafter Personenbildnisse“, wie in einem Kommentar einmal vermeldet.
Nach dem großen Brustbild oben von 1898 folgen: eine Sitzende (um 1899), ein Mädchenkopf (1902), "Worpsweder Bauerkind" (1905), das Brustbild eines Mädchens (1904), eine junge Frau (1900) sowie das "Flötenmädchen" (1905)
Eine Ausnahme nicht nur in dieser Abteilung unserer Ausstellung bildet das Musikantenensemble dieser Gouache sowohl als Gruppenbild und dann farblich ausschließlich in schwarz-grauen Tönen gehalten. Von diesem Sextett der „Musiker auf einer Empore“ von 1898 lassen sich noch am ehesten als solche näer die drei Streicher (rechts) ausmachen.
Unsere Ausstellung fühlt sich besonders diesem Bild verbunden, weil es zur Feier des 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker perfekt passt.
Ja, Paula spielt auf, hier und jetzt!
Die letzte Abteilung unserer digitalen Bilderschau konzentriert sich auf Landschaften und Stillleben im Werk von PMB. Von den letzteren zeigen gerade das Bild hier oben wie auch das "mit blauem Kasten" (1907) im Slider, wie sich die Künstlerin Ideen von Paul Cézanne zu eigen macht für ihre eigene Malerei. Äpfel und Bananen werden im „Stilleben“ um 1905 in eine besondere räumliche Dimension versetzt und erhalten statt einer illusionstechnisch perfekten nun in Paulas Malerei eine andere Perspektive und die ist dauerhaft, solide und spielerisch. Empört sich nicht ob dieses Obstkorbs, ergriffen von der wasserfallartigen Zugkraft der Tücher des Tisches. Eine malerisch schöne wie groteske Geste, die Statik des Stilllebens ad absurdum zu führen.
Die unabweisbare Moderne der Paula Modersohn-Becker zeigt sich schließlich auch in ihren oft leeren Landschaften, die ihre Worpsweder Verortung nicht verleugnen weder in ihrer dumpfen Farbigkeit noch hinsichtlich ihrer Birkenmotivik. So dass ein Stamm dieses in der Moorlandschaft weitverbreiteten Baumes sich als Protagonist diagonal in den Vordergrund schiebt („Landstraße mit Birken“ um 1901). Zwei weitere dann, die die Bildbühne für den Blick auf „Häuser, Birken und Mond“ freigeben, auf Mond- und Dämmerlandschaften (beide um1900) wie auch auf das herrliche Ziegelrot der „Worpsweder Kirche“ (1900).
Und wir wollen schließen mit einigen Versen aus dem REQUIEM - Für eine Freundin (1908), der zu früh Verstorbenen gewidmet von Rainer Maria Rilke, mit denen der trauernde Dichter sein tiefes Verständnis für ihre Kunst zum Ausdruck bringt:
Denn Das verstandest du: die vollen Früchte.
Die legtest du auf Schalen vor dich hin
und wogst mit Farben ihre Schwere auf.
Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun
und sahst die Kinder so, von innen her
getrieben in die Formen ihres Daseins.
Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,
nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst
dich vor den Spiegel, ließest dich hinein
bis auf dein Schauen; das blieb groß davor
und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.
So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun
und so besitzlos, von so wahrer Armut,
daß es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig.
"Nächtliche Landschaft, 1897", ein während der Arbeit an dieser Ausstellung besonders lieb gewonnens Bild.
150 Jahre PMB
Becoming Paula
KLICK aufs Bild, ARTE Mediathek + in der Ausstellung "Becoming Paula"
TV-Ausstrahlung am Sonntag, 8. Februar um 16:45
Jenny Holzer's For Paula Modersohn-Becker
Georg Baselitz, Paula (2018)
Im Vorfeld des 150. von PMB
Im Vorfeld der Feierlichkeiten zu ihrem 150. veranstalteten letztes Jahr die Worpsweder Museen (s.u.) eine Reihe von Ausstellungen aus vor allem dem künstlerischen Umfeld von Frauen in der ja nur kurzen Zeit der künstlerischen Existenz von PMB.
Eine Auswahl davon möchten wir hier vorstellen nicht als Aperitif, das wäre schlicht abwertend, vielleicht eher wie auf Konzertankündigungen die etwas kleiner gedruckten, keinesfalls aber gering zu schätzenden Kolleg*innen.
Als erste mit der geradezu ikonischen Büste als Titelfoto dieser Ausstellung sowie zwei weiteren Skulpturen der Freundin Clara Westhoff, nämlich den Porträts von ihrem Ehemann Rainer Maria Rilke wie auch von der Schriftstellerin und Philosophin Ricarda Huch. Und schließlich noch ein eher dschungelartiges Aquarell von der nordischen Moorlandschaft in und um Worpswede, wo sie alle sich trafen.
Dazu gehörten auch drei weitere Künstlerinnen, gleichfalls in den genannten Worpsweder Ausstellungen vertreten, die uns vor allem mit diesen Werken aufgefallen sind: von in der Reihenfolge Käte Lassen, Marie Bock, Mathilde Vollmöller-Purrmann und dann der großartigen Käthe Kollwitz:
Und schließlich Ottilie Reylaender (1882-1965) mit "Frei und unabhängig", ihrer spannenden Einzelausstellung in Worpswede 2025. Auswahl aus ihren Arbeiten:
aktualisiert Februar 2026 Paul Kroker
Kommentar schreiben
Franca (Sonntag, 08 Februar 2026 19:40)
Not only food for thought, but also comfort and nourishment for the eyes and spirit, this wonderful, rich and accurate exhibition on Paula Modersohn-Becker. Thank you so much.