Die Alchemie stimmt
Vor rund vierzig Jahren eine der ersten Installationen von Anselm Kiefer: Zwei Reihen von Bettgestellen aus Blei versehen mit Namen von Frauen der Französischen Revolution – darunter Madame de Staël und Charlotte Corday – von denen einige der Guillotine zum Opfer fallen. Ein Blick auf ein bleiernes Baracken-Szenario, das schnell Lager-Assoziationen aufruft. Verweist jedoch zugleich auf eine vielseitige Auseinandersetzung mit Geschichte seitens des Künstlers, früher oftmals missverstanden als Bemühen um ein fragwürdiges Verständnis für die Täter.
Leichter nachzuvollziehen ist für die, die selbst schon mal im Mailänder Palazzo Reale waren, was in Anselm Kiefer bei seinem ersten Besuch im dortigen Karyatiden-Saal vorgegangen sein mag. Denn dieser überwältigt mit seinen fast tausend Quadratmetern als zentraler ehemaliger Prunksaal des königlichen Schlosses. Und dann mit diesem Flair aus Gold und Gewalt einer geschichtsträchtigen Vergangenheit. Wie auch dem einer bloß provisorisch restaurierten antiken Stätte mitsamt ihren enthaupteten Skulpturen als Folgen aus und nach dem II. Weltkrieg.
Auch Pablo Picasso erliegt 1953 dem Faszinosum dieses Ortes und stimmt einer kurzzeitigen Ausstellung von „Guernica“ im damals noch offenen, dachlosen Saal der Karyatiden zu.
© Ela Bialkowska, OKNO Studio
Folgt man den Kritikerinnen von Weltkunst, Lampoon und FAZ (s.u.), wird Anselm Kiefers künstlerischem Projekt eine große kulturpolitische Bedeutung zugemessen, nämlich diesen ersten heilkundlichen Forscherinnen der "Alchemistinnen" zwischen Mittelalter und Moderne an den Rändern ihrer Männergesellschaften einen Raum zu verschaffen. Ihnen, die, verloren gegangen im Feuer und unter dem Schutt der Geschichte, nun im Titel dieser Ausstellung aufscheinen und denen künstlerische Werke Gesicht und Gestalt verleihen. Ihnen, die an den Rändern von Wissenschaft und Medizin in einer längst vergangenen Zeit und in Wäldern wohnten und wirkten, deren Intuition und ergebnisoffenes Experimentieren in die akademische Kodifizierung von Wissen niemals Eingang fanden. Zudem wurden sie, diese Heilerinnen, einst häufig als Hexen verfolgt und gemordet, da ihre Pflegetätigkeit unter Herrschenden und auch unwissend Gehaltenen diabolischen Verdacht und Furcht erregte.
Im Gespräch betonte der Künstler mehrfach, dass unterschiedlichste Ausstellungskonzepte zu entwerfen waren, um u.a. Vorgaben des Denkmalschutzes nachzukommen. Und so waren natürlich immer wieder Position der Objekte, Lichteinfall und Blickachsen, Spiegelungen und Perspektiven, Material und Formate, Malerei und Zeichnung darauf abzustimmen.
Mit je vier Gemälden auf der Vorder- und Rückseite der mobilen deckenhohen Wände, wie Paravents in der Exposition aufgestellt, wird eine enorme Bild- und Blickdichte erreicht und so auch eine Vielzahl an Möglichkeiten für visuelle Entdeckungen. Und das noch gesteigert durch die Effekte der Spiegelgalerie an den Längsseiten des Saales, so dass ein Höchstmaß an Wahrnehmung von Bild und Raum und eine ungeahnte dreidimensionale Tiefe gestattet werden. Genau daran hatte Kiefer lange gearbeitet: „In meinem Atelier in Croissy habe ich die Raumsituation nachgebaut. Die Spiegel schaffen eine Wechselwirkung von Verhüllen und Öffnen, einen ähnlichen Effekt also wie die Paravents, mit denen ich hier arbeite.“
Anselm Kiefer hat wieder einmal ein geradezu grandioses Zusammentreffen von Geschichte und Mythos mit seiner Kunst komponiert, diesmal mit und auch zu Ehren von längst In Vergessenheit geratenen Frauenfiguren, von jenen Alchemistinnen aus Wald und Heide und diesen Karyatiden, ihren Fragmenten aus Stein. Wer mag, kann das durchaus als einen Akt nachholender Entmystifizierung und Gerechtigkeit verstehen oder gerne in einen mehr oder minder expliziten feministischen Kontext einordnen. Der würde allerdings dem Künstler selbst wohl eher überflüssig erscheinen.
Zum Abschluss hier die uns geradezu hoch motivierend erscheinenden Worte der Kritikerin der FAZ, Karen Krüger:
„Der erste Eindruck, wenn man die Sala delle Cariatidi betritt, ist – wie eigentlich immer bei Kiefer: überwältigend. Er hat 38 Monumentalwerke geschaffen, die wie Paravents stehen, zwischen denen man sich wie durch ein Labyrinth durch den Saal bewegt. Die bis zu sechs Meter hohen reliefartigen Bilder wirken, als hätte dieser von Feuerhitze gezeichnete Saal sie aus seiner Asche geboren.
Farbe, durch Elektrolyse verbrannt, platzt von den Leinwänden; die erdigen Töne der dick aufgetragenen Ölfarbe finden sich wieder an Boden und Wänden, das Blattgold, das durch dunkle Schichten scheint, schimmert auch auf dem Rahmen der Spiegel. Die Leinwände sind mit alchemistischen Symbolen und Zeichen bevölkert, die auf Prozesse der Verbrennung und der Transformation verweisen. Gesichter und meistens nackte Frauenkörper tauchen aus den korrodierten Oberflächen auf. Mit wem man es zu tun hat, steht in goldenen Lettern auf den Bildern.“
Hier einige Impressionen aus der Spiegelgalerie, fotografiert von Gundi Schneider:
5minütiges Video zur Mailänder Ausstellung von einer bisher auf Hollywood-Events kaprizierten Entertainment-Agentur. Die etwas skurrile Tonaufnahme verrät, dass es noch genügend Luft nach oben gibt.
Das also unsere digitale Zusammenschau der Mailänder Ausstellung von Anselm Kiefers Alchemistinnen im Palazzo Reale, von dem noch ein anderes, ein permanentes Highlight seiner Kunst, Die Sieben Himmelstürme, an der mittlerweile schon prosperierenden Peripherie dieser Stadt zu bewundern ist: im Hangar Bicocca, ein gar nicht so kleines Wunderwerk zeitgenössischer Skulptur und Installation.
Paul Kroker
Für unseren Bericht stützten wir uns auf Fotos und Artikel der hier verlinkten Publikationen.
Für die - nicht anderweitig gekennzeichnete - Fotografie sei ganz herzlich Gundi Schneider gedankt.
Eine besondere Empfehlung gilt dem Besuch des bereits erwähnten Hangar Bicocca mit den "Sieben Himmelspalästen" in der neu erwachten Mailänder Peripherie.
Anselm – Das Rauschen der Zeit ist ein 3D-Dokumentarfilm von Wim Wenders aus dem Jahr 2023. Das Werk porträtiert den in Frankreich lebenden deutschen Künstler Anselm Kiefer. Die europäische Koproduktion zwischen Deutschland, Frankreich und Italien wurde im Mai 2023 beim Filmfestival von Cannes präsentiert
Kommentar schreiben