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Gemälde von Nazanin Pouyandeh
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„…zu oft zu wenig schön“ 

und die

Suche nach Wahrhaftigkeit

 

 

Seit fast schon einem Jahrzehnt Intendant am Berliner Ensemble, Oliver Reese hätte den Einstand seines neuen Starschauspielers Jens Harzer im letzten Jahr kaum wirkmächtiger inszenieren können.

Da war schon „diese lang gehegte Idee von mir. Und dazu dann noch diese neue Übersetzung von Mirko Bonné dieses legendären Briefes“, den Oscar Wilde an seinen Liebhaber Alfred ‚Bosie‘ Douglas verfasste, kurz vor Ende seiner zweijährigen Haft 1897 – diese „literarische Selbstvermessung: schmerzlich, tastend, ungeschützt“ (Johannes Nölting).

„Und da dachte ich, dass könnte was für Jens Harzer sein. Er hat diese besondere Stimme, vor allem eine besondere Sprachkultur, eine besondere Art zu sprechen und Sprache zu behandeln“,  wird Regisseur und Intendant Reese nicht müde zu betonen, so auch in seiner Einführung am 14.Juni im Thalia-Theater.

 

1895 war Oscar Wilde auf dem Höhepunkt seines allerdings nur kurzzeitigen künstlerischen Erfolgs, als  Lord Douglas, der Vater seines Liebhabers, zu einem, man kann ihn getrost tödlich nennen, juristischen Schlag gegen ihn ausholte. Wegen Homosexualität im viktorianisch-bigotten England vor der Jahrhundertwende verfolgt und verachtet, wurde Wilde verurteilt – sein Ruin: Der als Dandy auch in Amerika bekannte und wegen seiner Theaterstücke in London durchaus kultige Autor verlor die Rechte an seinem Werk und starb kurz nach seiner Freilassung verarmt und viel zu früh mit nur 46 Jahren in Paris. Und Oliver Reese spricht auch von einer Mitverantwortung Wildes an diesem Skandal und ganz explizit vom „selbst verschuldeten Märtyrertod". ‚Sodomie‘ war damals nun mal allseits bekannt, sollte aber nicht publik gemacht werden. Da rächten sich dann Justiz und Staatsapparat am schon von Krankheit gezeichneten Enfant terrible.

   

Was hatte nun Jens Harzer, diesen so prominenten, beliebten und „singulären“ (Peter Kümmel) Schauspieler, veranlasst, sich auf „De Profundis“ einzulassen, wo er doch bekanntermaßen eigentlich einem Bühnenmonolog eher abhold war?  Doch an diesem Text scheine ihm etwas, so sucht er sich in einem Radio-Interview (s.u.) zu erklären, so Wertvolles auf „nicht nur als literarische Notwendigkeit, sondern zugleich diese auch auf die Bühne bringen zu müssen – dieses  Ich, das da eingesperrt ist, und dieses imaginäre Du, den anderen, den abwesenden Briefpartner.“ Und dann natürlich immer auch das Publikum im Parkett  und auf den Rängen.

 

Nach der konkreten Erfahrung bei der Lektüre und der Aufführung versteht sich auch unbedingt, wie sich diese großartige Klage und Anklage des Ästheten Oscar Wilde, gerichtet an das Du wie an sich selbst, sich gerade in folgenden Worten realisiert: „Es war viel zu oft zu wenig schön mit Dir“. Und wie das auch gilt für seinen ethischen Anspruchin der unbedingten Suche nach Wahrhaftigkeit.

Es ist kritisches Aufrechnen und zugleich selbstkritische Abrechnung.

 

Und das im weichen, sanften, melodischen Sound, der geradezu intimste Vertrautheit erzeugt, dann durchaus ins Schrille abrutschen kann und in einen Schmerzensschrei ausbrechen. Und dabei spielt Jens Harzer so, als stamme der Text nicht von Wilde, sondern ganz persönlich von ihm selbst, hervor- und herausgebracht just in diesem Moment, wo wir ihnen verfolgen können. Da bricht die Stimme ab ins Zögern, Nachdenken und kommt wieder zum Tragen nach kurzem sich selbstvergewisserndem Ausruf: „Genau!“  

 

In der Mitte der minimalistisch reduzierten Bühne im Grundriss ein 130x130 cm großer Kasten, ca. 350 cm hoch mit Sockel. Das könnte auch ein Fahrstuhl oder überdimensionierter, vertikal aufgestellter schwarzer Sarg sein, die Kanten neonbeleuchtet.  Wenn wir nicht vorab wüssten, dass das der Handlungsspielraum ist, in dem sich der Schauspieler einrichten muss. Assoziationen kommen auf an extreme Bedingungen von Einzelhaft.

Leise lässt sich eine Stimme vernehmen, begleitet von einem Summen, das man zunächst geneigt ist, dem eigenen Tinnitus zuzuschreiben. Im weiteren Verlauf verstärkt es sich im Klang zu einem Dröhnen, rhythmisch schön skandiert, was sich sinnlich ansprechend mit der Rezitation verbindet.

Die Aufmerksamkeit beginnt sich zu konzentrieren auf den Brief an den jungen, leichtfertigen, hedonistischen Ex-Geliebten. Dann taucht zur Stimme wie aus schwarzen Wassern langsam

ein gelblich schimmerndes Gesicht an der Oberfläche auf und Jens Harzer verkörperlicht sich zusehends zur Gänze. Und wir sind bereit, ihm zu folgen in die Tragik des  Lebens- und Liebesschmerzes seiner Figur und ihrer Wahrheitssuche.

Darin ist das Publikum natürlich gleichfalls eingebunden und es wird ihm erleichtert durch die Technik der Inszenierung, den Ablauf der Aufführung per Beleuchtung und Klangkulisse deutlich zu sequenzieren, so dass Denkpausen entstehen können.

 

Patty Smith formuliert 2019 in ihrem Vorwort zur Diogenes-Ausgabe von „De Profundis“ im letzten Satz den ach so treffenden Begriff  von der „Schönheit des Leidens“, den Oscar Wilde 1894 dann selbst mit einer Definition unterlegt, die variiert auf den vierzig  Seiten des Bühnenskripts wiederzukehren scheint:

„Tauche in die Sprache des Grams ein und du wirst entdecken, daß der reine Ausdruck eine Form der Tröstung ist und daß die Form, die der Ursprung der Leidenschaft ist, gleichzeitig den Tod des Schmerzes bedeutet.“

Eine Ahnung scheint daraus hervorzugehen, die die Redeweisheit „Leidenschaft schafft Leiden“ dialektisch in der Kunst aufzuheben vermag.

 

Und spiegelt sich das nicht vielleicht auch wider, wenn zum Ende der Vorstellung, Jens Harzer aus der „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ - wo Wilde selbst einsaß und was er als Letztes in diesem Gefängnis schrieb - im englischen Original einige Verse aus dem Off singend vorträgt. Hier der Schluss in der deutschen Übersetzung von 1950 (Projekt Gutenberg):

 

Vergeudet nicht törichte Tränen! es ist
Kein windiger Seufzer not:
Er hatte getötet, was er geliebt,
Und also hat er den Tod. 

Und jeder tötet, was er liebt,
Das hört nur allzumal!
Der tuts mit einem giftigen Blick,
Und der mit dem Schmeichelwort schmal.
Der Feigling tut es mit dem Kuss,
Der Tapfre mit dem Stahl.

 

Jens Harzer kann aus seiner Todeszelle auf den Bühnenboden hinunterklettern, Konzentration und Anstrengung der letzten fast zwei Stunden noch deutlich im Antlitz. Ihn empfängt ein langsam immer stärker zu Ovationen anschwellender Applaus. Bescheiden dankbar verbeugt er sich vor dem Publikum seines ehemaligen Stammhauses. Ein erstes verhaltenes Lächeln wird sichtbar.

 

Als Oscar Wilde das Gefängnis verlassen kann, ist ihm für sein Leben nur noch eines gewiss: „Was jetzt vor mir liegt, ist meine Vergangenheit.“ 

 

 

Trailer-Stills: PAULavanti

Cover-Gemälde: Marlene Dumas, ›Oscar Wilde‹, 2016

 

 

 

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Jens Harzer

 

 

Oliver Reese

 

 

Juni 2026                                                                                                                    Paul Kroker

 

 

 

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