Fast genau vor einem Jahr wurde von Helge Letonja, Choreograf und künstlerischer Leiter des großartigen internationalen Ensembles Of Curious Nature, das Projekt „Deep Skin“ präsentiert. Zum diesjährigen „Bodily Me – Bodily Us“ geradezu kongenial. Da, so in unserem Beitrag,
„arbeitet er sich mit seiner Ästhetik, die geprägt ist vom Reichtum eines Miteinanders, dem Reiz der körperlichen Berührung, ab an – so Letonja – der ‚Sehnsucht der Haut nach Austausch‘. Sich zart und zugleich herzhaft berühren, sanft umarmen und streicheln, das begrüßt, ja genießt unsere Haut, unser so vielseitiges Sinnesorgan. Und das von klein auf. Was sich, ebenso wie Fehlen und Verlust, lebenslang in die eigene Erfahrung einbrennt“.
Die intime Dimension geht keineswegs verlorent, wird nun auf anderer Stufe vielmehr aufgehoben in der neuen Choreografie, die das Genre Tanztheater nun immer phantasie- und kunstvoller vor Augen und Ohren führt.
Heute nun ganz besonders mit der Betonung des Körpers,wie der Programmflyer betont: Nämlich dass Helge Letonja „auf den Leib schaut“ und auf das individuelle Körpergefühl, „sich unvollständig zu fühlen, obwohl unversehrt“.
Was ja nicht nur Pubertierende zur permanenten kosmetischen und modeabhängigen Selbstvervollkommnung drängt. Diese unbewusste, von Kommerz und Medien klickgesteuerte Theatralik, den eigenen Körper, das eigene Selbst an die gesellschaftlichen Standards der jeweiligen Peer-Group anzugleichen, kommt bei Letonja – wie auch beim vorangehenden Stück von Paul Aran Gimeno im „permanenten Konstruieren des eigenen Selbst“ – in immer neuen Szenarien des Be- und Entkleidens der Tanzenden durch andere oder durch sich selbst wirkungsvoll zum Ausdruck. So dass der nackte Oberkörper von Tänzern oder die scheinbare Ganzkörper-Nacktheit aller Tänzer*innen, viele andere Wahrheiten offenbaren können und eben nicht die eine angeblich pure und ‚nackte‘ Wahrheit. Um die eben geht es genau nicht an diesem Tanzabend in der Bremer Schwankhalle.
So heißt es bei Pau Aran Gimenos gerade noch zur Uraufführung rechtzeitig neu benannter Choreografie „Das Gewächshaus“ auch:
„Zwischen zuordnender Lesbarkeit und verkörperter Erfahrung, zwischen Ordnungssystemen und Biodiversität erscheint Identität nicht als feststehend, sondern als dynamischer Prozess.“
Viel ausgearbeiteter als noch in „Deep Skin“ offenbaren sich in den Bewegungen der tanzenden Zehn Zwischentöne, Zerwürfnisse, die ausarten können in Andeutungen brutaler Gestik, die immer wieder ganz unverhofft hochaktuelle Gewalt- und Machtverhältnisse aufscheinen lassen. Auf dass sich im Publikum bei etwa harmonisch anmutenden Szenen immer eine dunkle Ahnung mit einschleicht, dass dem ganz anders sein oder gar werden könnte.
Wenn zum Beispiel sich ein halbes Dutzend halbnackt Tanzender sich jeweils eine dichte Haarsträhne der schwarzgekleideten Frau im Zentrum greift – warum und wozu? , kommt eine böse Vorahnung auf. Oder das wilde Spiel mit einem vermeintlichen Frauenkörper, das mit zum Teil obszön wirkenden Bewegungen haarscharf Vergewaltigungsszenarien evoziert.
Dabei wird immer wieder die geschlechtliche Identität der Körper ins Uneindeutige, Veränderliche, Variable aufgelöst. Durchaus im Sinne des Mottos das dem Tanzabend vorangestellt ist: „Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der Gleiche bleiben“.(Michel Foucault)
Genial ist dabei die wiederholte Vertauschung von Geschlechterrollen mal evidenter, mal nur angedeutet, so dass sich unsere Wahrnehmung immer wieder neu zu fokussieren hat. Wobei die letztjährige Sehnsucht nach körperlicher Kommunikation doch immer wieder aufscheint. Mitunter durchaus ungeschickt mit dem oder der anderen. Aber das kann ja noch gelernt werden.
Bis dann die zentrale Figur der Androgynität dieses Abends in Gestalt des wundervollen Jed Nagales in seinem hinreißenden Finale sich in unsere Erinnerung hineintanzt. Ein herzliches Dankeschön.
Die abschließenden Ovationen gelten ihm wie auch dem ganzen Ensemble, den Choreografen, dem künstlerischen Leiter dieser fantastischen OCN-Zehn.
Und nicht zuletzt der klang- und wirkmächtigen Musik- und Soundkulisse, für die im zweiten Stück Miguel Marin verantwortlich zeichnet. Sowie dem stets minimalistischen Bühnenbild mit seinen Schattenprojektionen der Tanzenden und den beeindruckenden Lichtsequenzen.
Die Videostills vom offiziellen Teaser:: PAULavanti
Juni 2026 Paul Kroker
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