1.Juni - 1. September 2017

11 norddeutsche Künstlerinnen

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In der ersten Ausgabe des Kulturmagazins „das goethe“, herausgegeben vom Goethe-Institut, das leider nicht in Gänze online zur Verfügung steht, habe ich einen Artikel von Isabella Gerstner gelesen. Sie ist Künstlerin aus Deutschland und war Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 6 Monate lang konnte sie dort die aktuellen Entwicklungen in Kultur- und Kunstszene erleben. Mit der Dokumentarfilmerin Aslı Özarslan machte sie einen Spaziergang durch die Galerien Istanbuls, was sie in dem Artikel unter der Überschrift zusammenfasst: "Wir bleiben hier und machen weiter."

 

Diesen Galerien haben alle etwas Gemeinsames: nämlich, dass sie nicht aufgeben angesichts der schwierigen Zeiten für die türkischen Kulturschaffenden, dass sie eben „weiter machen“. Die Galerien, die in diesem Geiste arbeiten, heißen Mixer Art, Pilotgalerie, REM Art Space, Zilberman und DEPO.

 

Daneben gibt es auch noch andere und vielleicht noch größere Galerien um den Taksim herum und im Cihangir-Viertel. Zum Beispiel Arter oder Pera - das ist eigentlich ein Museum -, und die Akbankgalerie.

 

Leider stimmt es, dass für Touristen und sogar für die Einheimischen diese Gegend ihren Reiz immer mehr zu verlieren droht. Trotzdem und gerade deshalb versuchen diese Galerien immer wieder, junge Künstlerinnen und Künstler zu motivieren, und bieten ihnen eine Plattform, wo sie sich künstlerisch und intellektuell ohne Furcht äußern können. Besonders in einer Lage, wo viele angesehene Kunstveranstaltungen wie die Biennale von Çanakkale aus politischen Gründen abgesagt werden müssen.

Wie schrieb Bertolt Brecht vor fast genau 80 Jahren? „Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist/ Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ („An die Nachgeborenen“).

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Die Ausstellungseröffnung Rana Matloub: Heimat|en

 

30. Juli - 08. Oktober in Syker Vorwerk - Zentrum für Zeitgenössische Kunst

 

 

 

Am 30. Juli wurde die Ausstellung „Heimat|enˮ der Künstlerin Rana Matloub in Syker Vorwerk - Zentrum für Zeitgenössische Kunst eröffnet. Ich war auch dabei für Kultur im Norden - KUNO e.V.

 

Nach den Worten der Kuratorin Nicole Giese spürt das Syker Vorwerk mit dieser Einzelausstellung der deutsch-irakischen Künstlerin der Frage nach kultureller Identität nach. Rana Matloub, die in Bagdad geboren ist und seit 27 Jahren in Deutschland lebt, widmet sich in ihrem künstlerischen Schaffen dem kulturellen Dazwischen, das sie mit ihrer eigenen Biographie selbst erlebt. Die Absolventin der Bildenden Kunst an der Kunsthochschule Kassel und Meisterschülerin von Norbert Radermacher versteht sich als deutsche Künstlerin und wird doch oft vor allem auf ihre irakische Herkunft angesprochen.

 

„Ich lebe in Deutschland länger als im Irak und fühle mich eigentlich viel mehr als Deutsche denn als Irakerin.ˮ sagt Rana Matloub, wenn die Frage, was Heimat für sie sei, gestellt wird.  

 

In einem Interview des Deutschlandfunks, das im Internet nachgelesen werden kann, erläutert sie dann näher: „...Meine Arbeiten sind ja eher politisch. Aber manchmal, besonders jetzt gerade, mit unserer jetzigen Politik hier oder überhaupt in der Welt, wird man leider von vielen als erstes als Mensch aus dem Irak befragt. Manchmal nervt es schon, weil ich ja auch ein Mensch und Künstler bin. Ich bin nicht nur die Frau, die aus dem Irak kommt.ˮ (http://www.deutschlandfunk.de/kuenstlerin-rana-matloub-mix-aus-morgenland-und-abendland.807.de.html?dram:article_id=362110)

 

Na ja, vor der Politik kann man die Augen nicht verschließen. Aber manchmal nervt es wirklich, wenn man sich so fühlt, als ob man immer und vor allem über die eigene Herkunft sprechen soll. Das ist auch so in künstlerischen Fragen. Doch die Künstlerin behandelt das Thema "Heimat" aus vielschichtigen Perspektiven und vermeidet Klischees. Darüber hinaus weist die Kuratorin daraufhin, dass die Werke der Künstlerin Rana Matloub weder Verklärung noch Kritik an der einen oder der anderen Kultur sind. Sie deuten dagegen ein Crossover an, das eindeutige kulturelle Zuschreibungen überwinden will.

Einen interessanten Artikel über Ausstellung und Werke der Künstlerin kann man hier lesen

Kuratorin Nicole Giese

Kuratorin und Künstlerin

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Deutscher Lichtkunstpreis 2018 an Brigitte Kowanz

Foto: Alfred Weidinger
Foto: Alfred Weidinger

 

Mit der Auszeichnung ehrt die Robert-Simon-Kunststiftung die international erfolgreiche Wiener Künstlerin für ihr herausragendes Lebenswerk. Brigitte Kowanz ist die dritte Künstlerin, die diesen Preis erhält. Der Deutsche Lichtkunstpreis wird alle zwei Jahre im Kunstmuseum Celle verliehen. Erster Preisträger war 2014 Otto Piene, zweiter Mischa Kuball 2016.

 

 Brigitte Kowanz soll den Deutschen Lichtkunstpreis im Januar 2018 im Rahmen eines Festaktes im Kunstmuseum Celle in Empfang nehmen. Das Kunstmuseum Celle, das erste 24-Stunden-Kunstmuseum der Welt, beherbergt eine der umfangreichsten Museumssammlungen aktueller Lichtkunst in Deutschland.

 

Brigitte Kowanz hat den Bildbegriff durch ihre Lichtkunstwerke erweitert. Ihre Wandarbeiten, Objekte und Rauminstallationen loten die Grenzen zwischen Immaterialität und Materialität aus. Ihre Werke beschäftigen sich mit dem Aspekt von Licht als Informationsträger und mit der Digitalisierung. Digitale Daten werden greifbar gemacht, Zeichen, Codes und Schrift mit dem Medium Licht verknüpft. Aktuell bespielt Brigitte Kowanz gemeinsam mit Erwin Wurm den Österreichischen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig.

 

 

Foto - Tobias Pilz_Infinity and  Beyond_Venedig Biennale
Foto - Tobias Pilz_Infinity and Beyond_Venedig Biennale

 

Mit ihrer dortigen Arbeit „Infinity and Beyondˮ gelingt es, den realen Raum und den virtuellen Raum miteinander zu verschmelzen bzw. einen Raum zu erschaffen, der sich dank der zügigen technologischen Entwicklungen weiter vergrößert.

 

Seit 1997 ist Brigitte Kowanz Profes-sorin für Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien.

 

 

 

 

 

Mehr: kunst.celle.de/Idee/Deutscher-Lichtkunstpreis-The-German-Award-on-Light-Art

Mehr über die Künstlerin: kowanz.com/de

 

 

 

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In Kooperation mit dem BBK Osnabrück, dem Felix Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum, der Gesellschaft für zeitgenössische Kunst und der Kunsthalle Osnabrück hat vom 6. Juni bis zum 6. August 2017 in Osnabrück der zweite Çanakkale Art Walk stattgefunden. Dafür konnten 35 künstlerische Positionen der – leider abgesagten – fünften Çanakkale Biennale mit dem Thema „Homeland“ gewonnen werden. 

Eigentlich hätte die fünfte Biennale von Çanakkale Ende 2016 wie auch sonst in der Türkei gezeigt werden sollen. Aber die Schau wurde drei Wochen vor Eröffnung gecancelt, weil die Kuratorin und die Organisatoren unter politischen Druck geraten waren. Allerdings hat Osnabrück Solidarität mit seiner türkischen Partnerstadt bewiesen und der torpedierten Biennale unter dem Titel „Çanakkale Art Walk“ Exil in der Stadt angeboten.

Die 5.Biennale sollte sich mit der hochaktuellen Problematik von Migration und Heimat beschäftigen. Denn was ist Heimat? Ein Ort, wo man sich zuhause und wohl fühlt? Ein Ideal oder Realität? Die Kuratorin der geplanten Schau in der Türkei wollte diese organisieren im Zeichen grenzübergreifender Migrationen, tragischer Folgen von Exil und Flucht als Folgen vor allem der Nationalismen des 20. Jahrhunderts. Nun, im September letzten Jahres, war die Kunstschau selbst Opfer dieser Phänomene geworden.

Umso interessanter war der zweite Çanakkale Art Walk in Osnabrück für mich.

Ich war einen Tag in Osnabrück und hatte die Gelegenheit, die Ausstellungen an zwei Orten zu besuchen, nämlich die Kunsthalle Osnabrück und das Kunst-Quartier des BBK.

 

 

Eines der faszinierenden Werke dabei war für mich "Passports" von der iranischen Künstlerin Soheila Sokhanvari. Die Künstlerin zeigt hier Reisepässe von verschiedenen Leuten aus verschiedenen Ländern und Kontinenten aus verschiedenen Zeiten. In den Händen der Künstlerin wird so ein Reisedokument mehr als nur eine behördliche Formalie und bekommt Leben und Geschichte. Einerseits ein authentisches Dokument, wird es andererseits aber durch Illustrationen oder kuriose Behördenstempel verfremdet wie z.B. dieser südafrikanische Pass aus Zeiten der Apartheid mit einer rassistischen Karikatur unter der Rubrik „Besondere Kennzeichen“.

Hottentot Venus, South African Passport
Hottentot Venus, South African Passport

 

 

Ein anderes bemerkenswertes Werk war ein Videostill von Halil Altindere. Der in Istanbul lebende und arbeitende Künstler ist in der Türkei schon lange bekannt für seine kritischen Arbeiten, die immer wieder Identitäten hinterfragen. Wie zum Beispiel die Installation mit großformatigen Kopien des eigenen Personalausweises, deren Fotos die Normen für derartige Dokumente sprengen.

 

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"Der blinde Fleck" in der Bremer Kunsthalle: Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit

5. August 2017 bis 19. November 2017

Mit dieser Ausstellung untersucht erstmals ein deutsches Kunstmuseum seine Geschichte auf die Spuren der Kolonialzeit. Die Kunsthalle Bremen ist in Deutschland das erste Kunstmuseum und in Europa nach der Tate Britain das zweite, das seine Sammlung auf Kolonialgeschichte erforscht.

Den Titel der aktuellen Ausstellung erklärt die Kultur- und Sozialwissenschaftlerin und Kuratorin Julia Binter wie folgt: "Der Begriff 'blinder Fleck' kommt eigentlich aus der Augenheilkunde und benennt jene Stelle unseres Auges, auf der sich keine Lichtrezeptoren befinden und mit der wir somit nicht sehen können. Mein Forschungsprojekt geht den kolonialen Blindstellen in der Sammlung der Kunsthalle nach, die wir aufgrund eingefahrener Wahrnehmungsmuster und unzureichender Sensibilisierung für koloniale Themen nur schwer wahrnehmen können."

"Der blinde Fleck" ist ein mutiges Projekt, das eigene Geschichte kritisch hinterfragt. Es zollt damit unterschiedlichen Geschichten und Perspektiven seine Anerkennung. In der Ausstellung geht es auch um die Komplexität in der Geschichte. So meint Dr. jur. Godefroid Bokolombe, Afrika-Netzwerk Bremen e.V. - einer der Kooperationspartner der Ausstellung, "wenn die Geschichte des Jägers nur vom Jäger und nicht vom Gejagten erzählt wird, erfährt man nie die ganze Geschichte." Das Projekt soll also ein Signal für eine Bewusstseinsbildung zur wenig präsenten deutschen und bremischen Kolonialgeschichte sein.

 

Julia Binter erklärt weiter: " Das Ziel des Forschungsprojektes ist es kolonialen Spuren sichtbar zu machen. Es sollen historische Ordnungssysteme überdacht und außereuropäische Kunst als gleichwertig in die Analyse einbezogen werden. Darüber hinaus wird die der Frage nachgegangen, wie 'andere', 'fremde' Menschen dargestellt wurden und was das über uns und unser Verhältnis zu diesen 'Anderen' aussagt. Denn das Fremde ist ein Konstrukt, das nur im Verhältnis zum Eigenen existiert."

 

Was gibt es in der Ausstellung zu sehen?

 

1.      Die Sammlung japanischer Holzschnitte der Kunsthalle Bremen

Der Großteil davon stammt aus der Edo-Zeit (1603–1868), das heißt der Zeit vor der erzwungenen Öffnung Japans durch die USA im Jahr 1853. Den Grundstock der Sammlung legte Dr. Heinrich Wiegand, Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd und Vorsitzer des Kunstvereins, als er 1905/06 eine Reise nach Japan finanzierte.

 

Dabei kann man auch entdecken, dass nicht nur europäische Künstler durch die Entdeckung der Kunstszene Japans inspiriert wurden, sondern auch Künstler in Japan zum Beispiel vom europäischen Impressionismus beeinflusst waren. 

          

2 .Künstler der Moderne und ihre Faszination mit Kunst aus Afrika und Ozeanien

 

Künstler in Deutschland wie August Macke (1887-1914), Paula Modersohn-Becker (1876–1907), Max Pechstein (1881–1955) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) haben sich durch neue Ausdruckformen und Ideen aus Afrika und Ozeanien inspirieren gelassen. Dies aber häufig in einer Manier, die stark von Exotik und Primitivität geprägt war, so dass manche ihrer Werke durchaus nicht von ethnozentrischen Vorbehalten frei waren.

 

3. Begegnungen mit dem Fremden in der Kunst und Der Blick zurück zu den Kolonialzeiten -Gemälde von Amrita Sher-Gil und Re-take of Amrika von Vivan Sundaram

Das Projekt Re-take of Amrita von Vivan Sundaram, das in der aktuellen Ausstellung gezeigt wird, hat auf mich einen besonderen Eindruck gemacht. Die Werkreihe besteht aus einer Serie von digitalen Fotomontagen in Schwarz-Weiß und basiert auf Fotografien von Sundarams Großvater. In seine Arbeit bindet der Künstler auch eigene Familienfotos sowie Alltagsgegenstände und Gemälde seiner Tante, der Malerin Amrita Sher-Gil, mit ein.

 

Amrita Sher-Gil war eine indisch-ungarische Künstlerin. Sie rückte Frauen ins Zentrum ihrer Arbeiten und hinterfragte stereotype Eigen- und Fremdwahrnehmungen. Als eine Frau, die zwischen der westlichen und östlichen Welt gereist war, war sie sich selbst dieser stereotypen Wahrnehmungen bewusst. Sie präsentierte mit "Women of Colour" nicht als erotische und exotische Figuren, sondern als selbstbewusste Individuen. Diese Aktion war zugleich auch eine klare Positionierung gegen die männlich dominierte Kunstszene. Aber diese Werke zeigen m.E. auch eine sehr private, persönliche Seite: die der Begegnung der Künstlerin Amrita Sher-Gil mit sich selbst: ihrer Persönlichkeit, ihrer Realität, ihrer orientalischen Herkunft und natürlich ihrer Familie.

Title: Sisters with ‘Two Girls’  Artist: Vivan Sundaram  Culture/Country: India  Period: 2001(Amrita, Simla, 1937; Indira, Simla, early 1940s; Two Girls, detail, 1939, by Amrita Sher-Gil.)  Dimensions: 15 x 12.2 in.
Title: Sisters with ‘Two Girls’ Artist: Vivan Sundaram Culture/Country: India Period: 2001(Amrita, Simla, 1937; Indira, Simla, early 1940s; Two Girls, detail, 1939, by Amrita Sher-Gil.) Dimensions: 15 x 12.2 in.

Auch das greift Sundaram in seiner Arbeit auf und verhält sich damit kritisch gegenüber alten Formen von Rassismus in der europäischen Kunst. Der Künstler hat es geschafft, anknüpfend an die künstlerischen Persönlichkeiten der eigenen Familie, neue Erzählformen für Familiengeschichte zu finden und die traditionelle Wahrnehmung von Zeit und Identität in Frage zu stellen. 

Title: 12–13. Preening  Artist: Vivan Sundaram  Culture/Country: India  Period: 2001(Marie Antoinette, Lahore, 1912; Umrao Singh, 1904.)  Dimensions: 15 x 21 in.
Title: 12–13. Preening Artist: Vivan Sundaram Culture/Country: India Period: 2001(Marie Antoinette, Lahore, 1912; Umrao Singh, 1904.) Dimensions: 15 x 21 in.