KUNO-Newsletter

 · 

WebLit

 

Ein tolles Projekt, das der New Yorker Stadtbibliothek, dank einer Agentur  Literatur online und zwar fürs Smartphone per Instagram zu präsentieren: die Insta Novels! Und dann solche Klassiker wie u.a. Carroll, Dickens, Kafka die erstmal nur häppchenweise, dann aber in Gänze verfügbar werden sollen. Im August gestartet, wurden die neuen Online-Lektüreangebote 300.000 mal genutzt. 

 

Neu ist das nicht grundsätzlich, das deutschsprachige Publikum kann im Web dank des Projekts Gutenberg  im Verbund mit SPIEGEL online aktuell auf 10.000 Werke von 2000 Autor*innen zugreifen. Ja, am PC oder Laptop. Doch auf dem Smart- oder iPhone?! 

Wir von KUNO finden das spannend, weil es der Literatur ein neues Format öffnet und neue Möglichkeiten der Verbreitung von Literatur.

 

Weil die 30-Jahre-Gedenkfeiern zum 9. November noch nicht arg so lang her sind und überhaupt Autor*innen aus der DDR nicht wirklich zum Kernbestand des lesenden Publikums im neuen Deutschland gehören, wollen wir auf unseren Social Media das Beste der DDR-Literatur präsentieren. Das sind keine Riesenprojekte wie bei der NY Public Library. Wir probieren es sehr genügsam mit ansprechenden und anspruchsvollen Texten bzw. Textauszügen. Jede Woche ein/e neue/r Autor*in mit einem neuen Text. Zu finden hier und, wie wir festgestellt haben, auch bei Facebook: https://www.facebook.com/kunoweb und Tumblr: https://kunst-kultur.tumblr.com/.

Ein Versuch, immer eine Versuchung.

  

"Hommage an Anna Seghers", Paul Kroker (2015)

 

ANNA SEGHERS, Der Ausflug der toten Mädchen

 

 

Die 1943/44 entstandene Erzählung gehört zweifellos zu den schönsten

der Autorin, ist ein Text, an dem man "lesen lernen" kann (Christa Wolf).

Nach zehn Jahren Exil schrieb Anna Seghers diese Geschichte noch in

Mexiko: Die Emigrantin, die hier zum einzigen Mal ganz offen als "ich"

erscheint, ruht sich am Rande eines Dorfes in der Mittagshitze aus. Voller Heimweh erinnert sie sich plötzlich an ihre Kindheit: Dreißig Jahre zuvor hatte sie zu Hause, in Deutschland, in ihrer Heimatstadt Mainz, an einem Ausflug ihrer Mädchenklasse teilgenommen. Inzwischen, so weiß die Erzählerin, sind die meisten ihrer Schulkameradinnen durch die Nazis und ihren Krieg umgekommen. Dieses Wissen ist eine schreckliche Belastung für die Erzählerin, die sich zugleich die Erlebniswelt des Schulkindes anverwandelt und sehen muss, wie die Freundinnen als erwachsene Frauen standhielten oder schuldig wurden. Darüber berichtet die Erzählung in Form einer komplexen Verschachtelung der Zeit- und Erfahrungs-ebenen wie in folgendem Textauszug:

 

Ich lehnte mich gegen die Wand in den schmalen Schatten. Um Rettung genannt zu werden, dafür war die Zuflucht in diesem Land zu fragwürdig und zu ungewiß. Ich hatte Monate der Krankheit gerade hinter mir, die mich hier erreicht hatte, obwohl mir die mannigfachen Gefahren des Krieges nichts hatten anhaben können. (...)  Es gab nur noch eine einzige Unternehmung, die mich anspornen konnte: die Heimfahrt. (...)

Es schimmerte grün hinter der langen weißen Mauer. Wahrscheinlich gab es dort einen Brunnen oder einen abgeleiteten Bach, der das Rancho mehr bewässerte als das Dorf. Dabei sah es unbewohnt aus mit dem niedrigen Haus, das auf der Wegseite fensterlos war. (...) Das Gitterwerk war, längst überflüssig und morsch, aus dem Toreingang gebrochen. Doch gab es im Torbogen noch die Reste eines von unzähligen Regenzeiten verwaschenen Wappens. Die Reste des Wappens kamen mir bekannt vor, wie die steinernen Muschelhälften, in denen es ruhte. Ich trat in das leere Tor. Ich hörte jetzt inwendig zu meinem Erstaunen ein leichtes regelmäßiges Knarren. Ich ging noch einen Schritt weiter. Ich konnte das Grün im Garten jetzt riechen, das immer frischer und üppiger wurde, je länger ich hineinsah. Das Knarren wurde bald deutlicher und ich sah in dem Gebüsch, das immer dichter und saftiger wurde, ein gleichmäßiges Auf und Ab von einer Schaukel oder von einem Wippbrett. Jetzt war meine Neugier wach, so daß ich durch das Tor lief, auf die Schaukel zu. Im selben Augenblick rief jemand: “Netty!” Mit diesem Namen hatte mich seit der Schulzeit niemand mehr gerufen. (...)

Auf jedem Ende der Schaukel ritt ein Mädchen, meine zwei besten Schulfreundinnen. Leni stemmte sich kräftig mit ihren großen Füßen ab, die in eckigen Knopfschuhen steckten. Mir fiel ein, daß sie immer die Schuhe eines älteren Bruders erbte. (...) Ich wunderte mich zugleich, wieso man Lenis Gesicht gar keine Spur von den grimmigen Vorfällen anmerkte, die ihr Leben verdorben hatten. Ihr Gesicht war so glatt und blank wie ein frischer Apfel, und nicht der geringste Rest war darin, nicht die geringste Narbe von den Schlägen, die ihr die Gestapo bei der Verhaftung versetzt hatte, als sie sich weigerte, über ihren Mann auszusagen. (...)

Auf der anderen Schaukelseite hockte Marianne, das hübscheste Mädchen der Klasse, die hohen, dünnen Beine vor sich auf dem Brett verschränkt. Sie hatte die aschblonden Zöpfe in Kringeln über die Ohren gesteckt. In ihrem Gesicht, so edel und regelmäßig geschnitten wie die Gesichter der steinernen Mädchenfiguren aus dem Mittelalter im Dom von Marburg, war nichts zu sehen als Heiterkeit und Anmut. Man sah ihr ebensowenig wie einer Blume Zeichen von Herzlosigkeit an, von Verschulden oder Gewissenskälte. (...)

 

Mir kam jetzt alles unmöglich vor, was man mir über die beiden erzählt und geschrieben hatte. Wenn Marianne so vorsichtig die Schaukel für Leni festhielt und ihr mit soviel Freundschaft und soviel Behutsamkeit die Halme aus dem Haar zupfte und sogar ihren Arm um Lenis Hals schlang, dann konnte sie sich unmöglich mit kalten Worten später schroff weigern, Leni einen Freundschaftsdienst zu tun. (...) Doch Marianne weigerte sich und fügte hinzu, ihr eigener Mann sei hoher Nazibeamter, und Leni samt ihrem Mann seien zu Recht arretiert, weil sie sich gegen Hitler vergangen hätten. 

 

 

Eine Einführung in die Geschichte der DDR-Literatur mit mehr als dreißig Textauszügen und Texten von den Anfängen bis zum Untergang der DDR und der Wendezeit danach.

Diese Auswahl von zwei Dutzend DDR-Autor*innen hat nicht zuerst das Ziel, politische und gesellschaftliche Wirklichkeiten literarisch zu illustrieren, sondern möchte Beispiele aus Prosa, Lyrik und Dramatik präsentieren, die zum Kennenlernen und Weiterlesen von Büchern animieren, die auch im Westen bekannt waren und sind wie die von Christa Wolf oder Wolf Biermann. Oder eben vielleicht gar nicht oder zumindest viel weniger. Die es aber wert sind, weil sie vier Jahrzehnte realsozialistischer Diktatur und Widerständigkeit nicht dem Vergessen und Verdrängen überlassen dank Texten, „die ethisch und ästhetisch vielfach schon immer höchste Ansprüche erfüllten“. Wie der Text von Anna Sehers hier oben.

Interesse? Dann: https://www.kunoweb.de/2019/11/08/1989-2019/

  

 

Plaudernd chauffiert Hinze, der Fahrer, Kunze, den Funktionär, durch die realsozialistischen Lande. Aus ihren Gesprächen und Berichten erfährt der Leser viel – oft ironisch gebrochen – über die Verhältnisse im Land, über Leben und Liebe, Parolen und Kantinenessen. Und auch über die Kunst des Schreibens und vor allem über die des Vorschreibens wie im folgenden Textauszug.

Als der Autor "soweit", d.h. bis S.147 der gebundenen Suhrkamp-Ausgabe, den vorliegenden Text geschrieben hat, erzählt er – in bester Kenntnis eines bestimmten Kritikertyps – gleichsam vorwegnehmend dessen Stellungnahme zum fertigen Roman.

Frau Prof.Messerle, Wortführerin einer an Lukács geschulten Literaturkritik, verurteilt den Autor, dass er sich nicht an die "Strickvorlagen" des sozialistischen Realismus gehalten habe, so dass es kein "musterhaftes" Buch geworden sei. Sie kritisiert "Obszönität", "Spontaneität", mangelnde Planung, fehlende Parteilichkeit und die Tatsache, dass es kein Entwicklungsroman sei. Messerle, dieses schneidende Diminutiv, vertritt damit den dogmatischen Parteistandpunkt, der von Anneliese Löffler, die Messerle auch im Namen kongenial ist, im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" so formuliert wurde: Braun greife zu den "absurdesten Konstruktionen... Inhalt und Form gerinnen zur Farce", da der Autor "statt der realen Welt, statt der realen Widersprüche nur Gegensätze sieht".

Der folgende Auszug macht deutlich, wie Text und Geschehen ineinander übergehen, die Handlung praktisch das Manuskript fortschreibt:

 

"Als ich soweit gekommen war, hielt ich es, im gesellschaftlichen Interesse, für

nötig, mich der Diskussion zu stellen, in einem Gremium, das ich im selben Interesse

nicht näher beschreibe. Ich las ein Kapitel vor – der Einfachheit halber und um keine

Zeit zu verlieren dieses, das ich gerade schreibe und das damit beginnt, daß Frau Prof.

Messerle von einem andern Buch sprach, das ich hätte schreiben sollen: obwohl es

kürzlich ein anderer geschrieben hat. Sie konnte nicht genug gleichartige Bücher

bekommen, musterhafte, sie stellte sie vermutlich im Wohnzimmer nebeneinander,

eine sichere Bastion gegen die unzuverlässige Wirklichkeit. Aber wo mein Buch hätte

stehen können, klaffte eine kleine Lücke; in der sie nun mit dem Zeigefinger

fuhrwerkte: wodurch die sich aber, im Verlauf dieses Kapitels, noch erweiterte! Ich

konnte nichts dafür, diese Zuarbeit widerfährt den Realisten von unerwartetster Seite.

Hätte sich der Autor B., fuhr Frau Prof. Messerle fort, an das gehalten, was wir gesagt

haben, immer wieder gesagt haben, immer und immer wiederholt haben in unseren

Modezeitschriften, hätte er einmal die Strickvorlagen angesehn! (…)

Der Autor B. hat einfach ein unsauberes Gewebe geliefert. Er hat den roten

Faden verfitzt. Man erkennt die Masche nicht mehr! (Ich stockte beim Vorlesen, aber

Frau Messerle schloß geläufig an:) Er muß sich nicht wundern, wenn der Leser den

Rock nicht anziehen will. – Von mir aus, versuchte ich zu scherzen, braucht er gar nix 

anziehn. – Da seht ihr, sagte sie ernst, diese Obszönität. Er will uns nackt sehn. – Da

ist in gewisser Weise etwas dran, las ich weiter. – Aber ein bloß amouröser Roman (:

Frau Messerle) befleckt ... (sie verhaspelte, sie verhackselte sich) bekleckt ... verdeckt

unser Leben, das sich anständig entwickelt. Die Liebe ist die Spontaneität in Person,

bzw. in Personen, die der bewußten Führung und Leitung bedürfen. Der Autor hat das

Werk nicht geplant bzw. den Plan nicht erfüllt. Er ist ein Opfer seiner Triebe, seiner

Antriebe, seiner, nun, Sehnsüchte, seiner ... wir kennen das alle, Wunschvorstellungen

... Diese Figuren (schrie sie unvermittelt, unbegreiflicherweise) entwickeln sich einfach

nicht! – Sie saß hochrot im Vorsitz, mit zusammengekniffnen Knien, und die Kollegen,

irgendwie ergriffen, beeilten sich, ihr beizupflichten. Sie entwickeln sich nicht, sie

entwickeln sich nicht! riefen sie reihum, und ich sah beschämt auf meine Blätter. Sie

welkten dahin.

Das muß ich sofort ändern, las ich."

 

Aus: Paul Kroker, Vorwärts und nicht vergessen - Ein halbes Jahrhundert Literatur der DDR  (2009), S.34 ff

  

 

Mit Sarah Kirsch macht in den sechziger Jahren ein lyrisches Talent auf

sich aufmerksam, das sich in der Folgezeit zu einer der wichtigsten Lyrikerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur entwickelt. 1935 geboren, absolvierte Sarah, die eigentlich Ingrid heißt, nach dem Abitur ein

Biologiestudium. 1963-65 besuchte sie das Institut für Literatur Johannes R.

Becher in Leipzig. Danach ist sie als freie Schriftstellerin tätig. 1967

veröffentlichte sie ihren ersten eigenständigen Gedichtband Landaufenthalt.

Neben Gedichten tritt Kirsch auch mit Erzählungen und Übersetzungen in

Erscheinung. In den achtziger Jahren verwischen sich häufig die Grenzen

zwischen Lyrik und Prosa: Es erscheinen Prosagedichte (La Pagerie, 1980)

und lyrische Prosa (Allerleih-Rauh, 1988). Orte, die die Dichterin immer wieder aufsucht, sind Natur und Eros; dabei spricht sie oft von Einsamkeit und ist doch voller Sehnsucht, für sich allein und doch mit anderen sein zu können. Ihre Sprache kann ebenso knapp und präzis wie metaphernreich und verspielt sein.

Nach der Biermann-Ausbürgerung, gegen die auch Sarah Kirsch protestiert,

geht sie 1977 zuerst nach Westberlin und lebt heute in Norddeutschland.

Insgesamt gelingt es ihr und der Sächsischen Dichterschule überhaupt – zu der sie und ihre Freunde gerechnet werden – in außerordentlich schöpferischer Weise, Gesellschaftliches und Persönliches, Politisches und Poetisches, Zustimmung und Widerspruch miteinander zu verbinden. Viele Gedichte und Erzählungen Sarah Kirschs werden gern als der Frauenliteratur zugehörig bezeichnet. Wenn dabei kein modisch-oberflächliches, radikal-feministisches Verständnis zugrunde gelegt wird, kann das durchaus angehen. Wie sie es aber selbst sieht, formuliert die Dichterin so: "Ich halte Emanzipationsschreiberei für unsinnig. Mann und Frau sollen nicht gegeneinander, sondern miteinander fertig werden. Beide müssen menschlich leben können."

Das folgende Gedicht stammt aus Sarah Kirschs drittem Gedichtband

(Zaubersprüche,1973), erzählt den Prozess einer Befreiung und ist zugleich ein Hymnus auf die Liebe.

 

 

SARAH KIRSCH, Ich wollte meinen König töten

 

Ich wollte meinen König töten

Und wieder frei sein. Das Armband

Das er mir gab, den einen schönen Namen

Legte ich ab und warf die Worte

Weg die ich gemacht hatte: Vergleiche

Für seine Augen die Stimme die Zunge

Ich baute leergetrunkene Flaschen auf

Füllte Explosives ein – das sollte ihn

Für immer verjagen. Damit

Die Rebellion vollständig würde

Verschloß ich die Tür, ging

Unter Menschen, verbrüderte mich

In verschiedenen Häusern – doch

Die Freiheit wollte nicht groß werden

Das Ding Seele dies bourgeoise Stück

Verharrte nicht nur, wurde milder

Tanzte wenn ich den Kopf

An gegen Mauern rannte. Ich ging

Den Gerüchten nach im Lande die

Gegen ihn sprachen, sammelte

Drei Bände Verfehlungen eine Mappe

Ungerechtigkeiten, selbst Lügen

Führte ich auf. Ganz zuletzt

Wollte ich ihn einfach verraten

Ich suchte ihn, den Plan zu vollenden

Küßte den andern, daß meinem

 

König nichts widerführe.

 

 

Aus: Paul Kroker, Vorwärts und nicht vergessen - Ein halbes Jahrhundert Literatur der DDR  (2009), S.66 ff

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0