Rabenschwarzes Jahr für die Kultur - Bilanz 2020 und Forderungen



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Herrenhausen 2020 II

 

Er war einsam, weil er kein Zweites fand

 

In diesem  Beethoven-Jahr zu seinem 250 Geburtstag gibt es schon eine Reihe denkwürdiger Ereignisse, drei davon stellt KUNO vor:

### Einmal den spannenden Videorundgang durch die 7. Sinfonie mit der charmanten und geistreichen Joana Mallwitz, Dirigentin, Pianistin und Generalmusikdirektorin in Nürnberg, unter dem gewitzten Titel "Der betrunkene Beethoven".

### Dann Igor Levits Klavierpodcast bei BR Klassik: "32 x Beethoven".

### Und schließlich das Gefängnisprojekt zu Fidelio der Berliner Philharmoniker mit der Kulturorganisation aufbruch in der JVA

Tegel. Mehr auf kunoweb

 Und noch viel mehr zum Beethoven-Jahr unter BTHVN .

 

Und dann die Kunstfestspiele Herrenhausen mit der Weltpremiere Second Self: Beethoven Resurrection, ein kollaboratives Performance-Projekt von Hugo Glendinning und Tilly Shiner mit einer Originalpartitur von Sami El-Enany und verschiedenen Beethoven-Adaptionren. So sollte es"ein magisch-realistischer Dokumentarfilm, eine spekulative Geistergeschichte, ein improvisierter Katastrophenfilm in Zeitlupe" werden. 

 

Das Orchester, rund zwanzig Musiker*innen unter dem Dirigat von Samuel Jones, stimmt das Publikum im DHC-Saal, allesamt pandemiegerecht im AHA-Modus, auf das bald darauf  einsetzende Filmgeschehen ein. Das beginnt in englischer Sprache, was zunächst mal unverständlich sein könnte, da sonst die gesamte Synchronisierung auf Deutsch ist, nur die Grabrede von Franz Grillparzer (1827, Wien) nicht. Hier eine der drei vorliegenden  Fassungen:

 

 

Diese Rede verliert, auf Englisch vorgetragen, allerdings viel von ihrem hohen Pathos, was wiederum ein Grund für die Sprachwahl gewesen sein mag. Vielleicht auch wegen des Plots, gewissermaßen eine sprachliche Antizipation. Denn in der Handlung des Films  taucht nun Beethoven (Jerry Killick) auf, abgerissen und heruntergekommen, aus dem Uferschlamm der Themse im London der Brexit-Auseinandersetzungen zu Halloween 2019.

Im nächtlichen Chaos unter Feiernden, Demonstranten und sozial Abgestürzten sucht LvB griesgrämig, mal hier ein Bier schnorrend und dort eine Zigarette, seinen Weg zur Royal Philharmonic Society, um eines gerechten Honorars wegen statt der miserablen fünfzig £, womit man ihn für die kommissionierte Neunte abspeisen will. Eine Problemlage, die auch in gewissen Kreisen zeitgenössischer Künstler*innen nicht gar so unbekannt ist.

Die Fiktion des Films öffnet sich hier zu einem Albtraum für LvB, an einem unbekannten Ort zu einer unbekannten Zeit in der Fremde unter Fremden zu sein. Die aber sind seltsam freundlich, fasz schon mal solidarisch zu diesem abgerissenen Sonderling. Und damit beginnt sich das Traumatische ins Traumhafte zu verlieren, wenn  sich ab und an Klänge vernehmen lassen seiner Musik oder die zumindest an sie erinnern, wo Film- und Livemusik konvergieren. Räume des Poetischen öffnen sich auch da, wenn sich am Rande des Feierrausches hier eine junge Frau (Flora Wellesley Wesley) dem Wirbel eines entzückenden Tanzes hingibt, der auch LvB  fasziniert. Oder dort eine andere im Trauerflor am Mikro die Ode an die Freude anstimmt.

 

 

LvB kehrt nach einem Viertel Jahrtausend unter die Lebenden zurück in diesem Film, doch im Unterschied zu entsprechenden Horrorszenarien nicht als Untoter. Er entstammt keiner Mythologie, Religion oder Folklore. Er ist kein Fake, er ist ein Faktum der Musikgeschichte und wird von Musiker*innen, Dirigent*innen, Sänger*innen immer wieder interpretiert und vom Publikum rezipiert. 

Wenn die Beethoven-Figur in der Nacht seines Londoner Ausflugs sich schließlich am Themse-Ufer bis auf die Haut entkleidet und langsam zurück in die Fluten steigt, ist das so undramatisch wie sein Kommen und in seiner Nacktheit, ohne die Kostümierung des 18. Jahrhunderts,  fern jeder Melodramatik.

 

 

S. Jones dirigiert die musica assoluta und der Komponist  S. El-Enani applaudiert ihnen

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