Rabenschwarzes Jahr für die Kultur - Bilanz 2020 und Forderungen



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NordArt 2021

 

2021

 

 

Wieder mal groß global 

 

 

 

Qin Chong, KONKAV KONVEX  (2020)

 


 

KONKAV KONVEX (2020) - es war die letzte Arbeit auf unserem diesjährigen Rundgang und zugleich die, welche sich dem visuellen Gedächtnis am nachhaltigsten einprägte.

Eine wandfüllende Papierarbeit des chinesischen Künstlers Qin Chong (*1968), die im Begleittext der Veranstalter im Grunde auf die Maxime des Autors Schwarz-Weiß – Eine Frage des Prinzips reduziert bleibt. Der Pekinger Künstler Lü Shengzhong war da vor Jahren in dieser speziellen Frage schon präziser,wenn er in seiner Rezension damaliger Gemälde seines jüngeren Kollegen ausführt:

"Schwarz lässt sich in fünf Schattierungen aufteilen, ein Prinzip der traditionellen chinesischen Malerei, das Qin Chong zu einem scharfen Schwarz-Weiß-Kontrast verdichtet. Der Widerspruch von Yin und Yang in allen Dingen ist nicht nur die Wurzel der chinesischen Kultur, sondern auch der modernen Farbenlehre, die meint, Schwarz und Weiß seien neutral. Sie hängen jedoch vielmehr voneinander ab und sind gleichzeitig Gegensätze, die beim Betrachter Gefühle wecken und sich selbst eine besondere Bedeutung verleihen... Chinesen haben Schwarz, das Symbol der goldenen Mitte einer Persönlichkeit, immer als wahre Farbe betrachtet."

Die Dialektik von Yin und Yang weiß allerdings auch, dass solche Aussagen ihren Rahmen in Ort und Zeit finden, also notwendig provisorischen Charakters sind und  durch künstlerische Freiheiten weiterentwickelt und sogar aufgehoben werden können. Konkret heißt das für das hier ausgestellte Werk von Qin Chong nun die wirklich entscheidenden Fragen zu stellen nach dem Material, den Mitteln seiner ästhetischen Behandlung sowie schließlich  nach dem Gesamteindruck. Also, was hat der Künstler hier wie benutzt, um in uns Betrachtenden diesen unwiderstehlichen Sog auszulösen, uns in die Vielzahl der feinen Faltungen mitzunehmen, in dieses weite Panorama farblicher Schattierungen, der Spuren seines Malens mit dem Feuer, ihre konkaven wie konvexen Ausformungen?

Die unsäglichen Bilder von den verheerenden Bränden im Süden Europas und anderen Weltregionen stehen uns bei diesen Worten nur zu deutlich vor Augen. Jedoch der künstlerische Umgang mit dem Feuer vermag es gleichwohl, und Qin Chong liefert den Beweis, eine begeisternde Ästhetik der Farben und Formen auf dem monumentalen, sieben mal drei Meter langen, fast schon skulpturalen Papierband heraufzubeschwören.

 

Eine Frage zum Schluss: Wie nun lässt sich dieses konkrete Ausstellungsstück dem Schwarz-Weiß-Prinzip des Künstlers zuordnen? Oder geben Werk und Werktitel gar selbst schon Antwort?

 

 

 

 

Veronika Psotková, Together...

 

Veronika Psokova, Together in the stream
Veronika Psokova, Together in the stream

 

"Veronika Psotková konzentriert sich in ihren Arbeiten der letzten Jahre vornehmlich auf unkonventionelle Rauminstallationen mit Figuren und Gegenständen aus Drahtgeflecht. Psotková stellt ihre Kunstwerke aus Rabitzgitter her, wobei sie dieses Industrieprodukt in figurative Strukturen verwandelt. Sie formt und vernäht die Gitter zu räumlichen "Zeichnungen", lässt diese sich auf natürliche Weise durch Rost verfärben und versiegelt sie anschließend mit klarem oder farbigem Lack. Seitdem sie 2007 ihre ersten Drahtskulpturen schuf, widmet sich Psotková in ihrem dynamischen Skulpturentagebuch autobiografischen Themen wie Familienleben, Partnerschaften und, während der vergangenen fünf Jahre, auch der Mutterschaft."

So der offizielle Begleittext mit einem Foto von Together With Her, das spontan eine Assoziation an das weltberühmte Foto der Marilyn Monroe aufruft. Zu der zweiten gleichfalls beeindruckenden, geradezu ausufernden Hallen-Installation Together In The Stream sind nähere Werkangaben nicht zu ermitteln .

 

Zwölf Minuten Zusammenschau der diesjährigen NordArt im virtuellen Rundgang (wie hier oben im Video) gefallen sich wohl eher am Herumschweifen in den weiten Werkhallen und dem Skulpturenpark des Kunstwerks Carlshütte.  Eben mal herum und vorbei an den vielen der tausend Arbeiten von zweihundert Autor*innen dank einer Panoramatechnik, die hier  eben nicht gestattet, mal wirklich etwas genauer in den Blick nehmen zu können. Natürlich sind noch weitere digitale Präsentationsformen im Angebot. Doch gerade die digitale Personalisierung von mein-vr.de/nordart/2021/  gibt zwar Zugang zu allen Räumen der Ausstellung, und es sind in der Tat viele, aber außer Panoramablick per stop and go und eins, zwei Verweisen, wohin denn weiter navigieren, ist hier interaktiv nicht mehr herauszuholen, da die Zoom-Funktion fehlt. Wenig hilfreich sind für eine genauere Betrachtung die eher seichten Video-Statements einiger Deutsch sprechender Künstler*innen. Und schließlich ist zwar anerkennenswert, dass es ein Ausstellungsverzeichnis mit allen Präsentationen gibt, nur geben die meistens quantitativ wie qualitativ wenig Auskunft.

 

Unmündig, 2019, Installation: Epoxidharz, Öl, Stoff, Emaille, Stuhl, lebensgroß
Unmündig, 2019, Installation: Epoxidharz, Öl, Stoff, Emaille, Stuhl, lebensgroß
Marko Kusmuk, Aus dem Zyklus "Surditas": Dialog, 2019, Mischtechnik auf Leinwand, 170 x 380 cm
Marko Kusmuk, Aus dem Zyklus "Surditas": Dialog, 2019, Mischtechnik auf Leinwand, 170 x 380 cm
Ranka Radovanovic, Do Not Walk Outside This Area, 2007, Öl auf Leinwand, 5-teilig, 220 x 800 cm (Detail)
Ranka Radovanovic, Do Not Walk Outside This Area, 2007, Öl auf Leinwand, 5-teilig, 220 x 800 cm (Detail)
Clara Laratta, Selbstporträt #55 & #201, 2019, Fotografie, je 75 x 55 cm
Clara Laratta, Selbstporträt #55 & #201, 2019, Fotografie, je 75 x 55 cm
Timur D'Vatz, Die Reise, 2018, Öl auf Leinwand, 5-teilig, 225 x 450 cm
Timur D'Vatz, Die Reise, 2018, Öl auf Leinwand, 5-teilig, 225 x 450 cm

 

Kontraste 

 

"Migration" von 800 Metallameisen 

und Millionen Menschen

 

Chen Zhiguang, Ära der Migration, 2020, Installation: Eisen, 800-teilig, je 45 x 35 x 25 cm (Kunstraum Villa Friede, Bonn)
Chen Zhiguang, Ära der Migration, 2020, Installation: Eisen, 800-teilig, je 45 x 35 x 25 cm (Kunstraum Villa Friede, Bonn)

 

Vermischtes

 

"Mischwesen" nicht nur in der Remise,

Dekoratives für Haus und Garten,

Metallenes, viel Glanz

 

 

Und immer wieder: Lob der Location

 

 

Das fiel uns sonst noch auf

 

Interessant ist schon seit je die Einladungsstruktur der NordArt und, dass die verschiedenen Jahrgänge nicht ausschließlich, aber doch immer wieder Regionen dieser Welt auswählen, die im internationalen Ausstellungsbetrieb sonst eher eine untergeordnete Beachtung finden. So in diesem Jahr die Ukraine als Gastland sowie drei Länder aus dem großen Zentralasien in der Sonderausstellung mit dem Titel Identität.

Zugleich verwundert dann die starke Fokussierung zunächst auf Deutschland mit rund einem Viertel der anwesenden Künstler*innen; dann auf Russland und Tschechien, das zudem noch mit einer besonderen Abteilung der Sculpture Line aufwartet. Zusammen machen beide Länder rund ein Fünftel aller Einladungen aus. Der Anteil Chinas, der möglicherweise wegen des Aufgebots seiner Großskulpturen so übermächtig wirkt, ist allerdings den Zahlen zufolge erstaunlich gering. Nicht täuschen kann hingegen eine deutliche Bevorzugung östlicher Weltregionen, vor allem dann, wenn die Westeuropäer, die BRD einmal ausgenommen, recht marginal präsent sind oder in einigen Fällen wie England, Irland und Schottland ganz fehlen. Oder sollten die dem Brexit zum Opfer gefallen sein?

Was aber künstlerisch wirklich fehlt, ist eine Zentralidee für die Gesamtschau und sind Werke, wenigstens einige Highlights, die in der Gegenwartskunst Maßstäbe gesetzt haben und setzen, so dass auch ein direkter Vergleich mit- und untereinander konkret möglich wäre und zugleich die Originalität neuer, auch junger Kunst viel eklatanter ins Auge stechen lässt.

Zumindest ungleichgewichtig ist das Verhältnis der einzelnen Kunstgattungen: Einerseits die massive skulpturale Präsenz, nicht nur auffällig unter den tschechischen Künstler*innen. Dass die beiden Verantwortlichen der NordArt in derselben Disziplin zu Hause sind und natürlich auch anwesend auf diesem, ihrem eigenen Gelände - honi soit qui mal y pense. Andererseits wiegt die Marginalisierung der Fotokunst sowie das Fehlen von Performance und der digitalen Künste bei solch einem gigantischen Ausstellungsformat natürlich schon schwerer.

Inwiefern die Selektion von Werken und Künstler*innen der Beschränkung auf einen intimen und sehr kleinen Kreis von Ausstellungsmachern geschuldet ist, lässt sich nur vermuten. Es sind fünf an der Zahl:  Neben dem Generalkurator und seiner Co-Kuratorin dann jener für "Zeitgenössische Kunst aus Zentralasien". Und schließlich die beiden Kurator*innen des Ukrainischen Pavillons mit seinen rund zwei Dutzend Kunstschaffenden. Besonders auffällig die restriktive Selektion bei der zentralasiatischen Ausstellung. Aus einer Region mit immerhin acht Ländern, sind ganze zwei vertreten: Usbekistan mit vier, Tadschikistan mit zwei Künstler*innen - die Pluralform ist gerechtfertigt, da darunter eine einzige Frau es nach Büdelsdorf geschafft hat.

Diese Zusammenschau macht deutlich, dass hier noch viel Luft nach oben ist hinsichtlich eines Leitgedankens, der Auswahl von Personal und Werken und überhaupt der Kunstgattungen. Gerade bei den zwei Sonderschauen fehlt es trotz der Fülle an Farben der ukrainischen Textilarbeiten an kuratorischer Strahlkraft.

Unsere Anmerkungen nur als Appell für mehr Transparenz sowie Vielfalt und Ausgewogenheit werden begleitet von unserer Präsentation von Arbeiten, die uns ästhetisch - die einen mehr, die anderen weniger - beeindruckt haben und für deren Präsenz wir uns bei den NordArt-Machern bedanken.

 

Eine letzte Anregung: Es würde wohl Publikum und Kritik die Übersicht über Autor*innen und Werke erleichtern, wenn wenigstens die jeweils neuen eines Jahrgangs auch als solche kenntlich gemacht werden könnten.

 

 

August 2021                                                                              Paul Kroker

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Fulvia Milton (Montag, 09 August 2021 10:06)

    Thorough and very constructive criticism. Excellent.