Mutterland, Kiew (2023)
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Gemälde von Nazanin Pouyandeh
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Laios - ein Geniestreich

Foto: Thomas Aurich (Ausschnitt)
Foto: Thomas Aurich (Ausschnitt)

Selten so eine Sternstunde des Theaters! 

Kann man wohl sagen, wenn im Hamburger Schauspielhaus im Rahmen des fünfteiligen Anthropolis-Projekts bei Teil 2 Laios, drei fundamentale Momente kongenial zusammentreffen: Buch, Regie und Schauspielkunst.

 

Mit den folgenden Zeilen des Theatertexts lässt sich über den Vater des Ödipus, Laios – eigentlich nur eine Hintergrundfigur der griechischen Sagenwelt und noch vergessener als Gattin und Mutter Iokaste – als Maxime dieses Lehrstücks des 21.Jahrhunderts zusammenfassen: 

 

du magst glauben

du stehst nur für dich,

aber du stehst in der Reihe derer,

die vor dir kamen

wie auch in der Reihe jener,

die nach dir kommen werden,

was du tust

und was du nicht tust,

ändert das Gesicht der Stadt,

des Staats

und damit auch

das Gesicht der Welt,

was du tust

und was du nicht tust,

ändert nichts Geringeres 

als unser aller Zukunft.

 

 

Für seinen Laios kann der Autor Roland Schimmelpfennig also nicht über eine dramatische Vorlage der Antike verfügen. Dafür entwickelt er beispielhaft aus der Lektüre der griechischen Mythologie und ihrer Dichter bis hin zu Sigmund Freud und aktuellen Studien, ein geschichtliches Verständnis und narrative Ansätze, die immer neuen Perspektiven und Fragestellungen nachgehen. Womit zugleich Skizzen für analytische Möglichkeiten und gesellschaftliches Handeln in unserer Gegenwart mitgeliefert werden, wenn sie denn wahr- und aufgenommen würden.

Als dem Ödipus noch nicht sein späterer Mythos anhaftet und er schlicht als Pferdedieb und Wegelagerer verstanden wird, der in archaischer und zugleich immer noch höchst aktueller Weise auf einsamer Straße den König Laios tötet und dessen Frau vergewaltigt, bleibt sein ihm unbekannter Vater scheinbar bloß Opfer und in jedem bekannten Narrativ nur Nebenfigur.

Jedoch weiß er im Unterschied zu Ödipus um die Weissagung der Sphinx: Dass der, der ihn töten wird, sein Sohn sei. Dass dieser wiederum gar nichts ahnt von solch fatalem Zusammenhang, hinterlässt an seinem Nimbus einige Kratzer.

Und Laios weiß noch mehr, auch weil sein eigenes Schicksal so verschieden nicht ist von dem seines Sohnes: Beide sind unerwünschte Kinder und müssen Theben verlassen. Dem Sohn Ödipus durchbohrt der Vater selbst die Füße, auf dass sich der Fluch der Sphinx nicht bewahrheite.

Alles andere möchte dieser Laios lieber als nach Theben zurück und dann etwa noch auf den Königsthron. Selbst dann nicht, als es keinen anderen Anwärter dafür aus seinem Geschlecht mehr gibt. Aber vor allem möchte er der traumatischen Sphinx in seinem Kopf entkommen, dieser „Katze mit Flügeln“ im blauen Pailletten-Kleid.

 

Dass niemand auch nicht in den schönsten Heldensagen frei von Verantwortung und Schuld ist, lässt sich in der multiperspektivischen Anlage des Stücks eindrucksvoll nachvollziehen.

 

5_Laios_Rittershaus_077
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Besonders auch dadurch, dass dieser dem Vergessen entrissene Antiheld Laios – zugleich dann noch als Iokaste und als Sphinx und als sein Geliebter sowie als die ganze thebanische Männergesellschaft – in seinem Drama zum Leben erweckt wird.

Und das dank nur einer einzigen Frau und ihrer schauspielerischen Donnerkraft: Lina Beckmann, ohnehin längst Liebling des Hamburger Theaterpublikums.

"Es ist ein Geschenk, ja, ein Wunder zu erleben, wie sie scheinbar mit Leichtigkeit Höhen und Tiefen der Tragödie durchmisst, wie sie ihren Körper einsetzt" (Katja Weise), wie sie „schwitzt, spuckt, faucht, tanzt und im Stil der wohlmeinenden Grundschullehrerin nebenbei auch noch abfragt, ob das Publikum bei Teil 1 des Marathons richtig aufgepasst hat und all die Namen richtig zuordnen kann“ (Konrad Kögler).

 

4_Laios_Rittershaus_072
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Für diesen Laios holen Regisseurin Karin Beier und Autor Roland Schimmelpfennig „ihr Publikum, wie Medienleute gern sagen, dort ab, wo es steht (wo sie es vermuten). Es wird Dunkles erklärt und durch Ironie entschärft, es wird auch dauernd angedeutet, dass diese alten Griechen bekiffte Hippies sein könnten, die sich den ganzen Wahnsinn nur ausdenken" (Peter Kümmel).

 

Doch werden auch spürbar an diesem unterhaltsamen Abend grundlegende, für unsere eigene Vergangenheit und unser Heute bestimmende Fragen: Wer trägt welche Schuld? Welche Version ist die glaubwürdigste? Konnte und kann es überhaupt ein Entrinnen geben?

 

Karin Beier versucht mit ihrem Anthropolis-Projekt etwas ganz Großes, Aus-der-Zeit-Gefallenes, das uns erinnert an die Worte Friedrich Schillers: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." In ihrer eigenen Übersetzung für die Bühne formuliert die Hamburger Regisseurin und Intendantin das in einem Interview so: „Das Theater gibt den dionysischen Gefühlen in uns einen Ort“. 

 

 

Minutenlange Standing Ovations für eine nach ihrer großartigen Performance erschöpfte und über den Applaus glückliche Schauspielerin, der mit diesem Stück die Einladung zum Berliner Theatertreffen 2024 zu sehr großen Teilen zu verdanken ist. 

 

 

P.S: Nicht einmal ein gutes Foto ist uns vom Schlussapplaus gelungen. Doch der Zufall ließ uns im Papierabfall auf ein Foto aus der Zeitschrift Chrismon stoßen, ein schönes, zerknittertes Ready-made, das wir gern der Lina Beckmann widmen: 

 

Foto: KUNO, per Klick zum Web-Link von Chrismon
Foto: KUNO, per Klick zum Web-Link von Chrismon

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