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Beate C. Koehler

 

Portraits 

 

Fotografie ist für Beate C. Koehler seit dem elften Lebensjahr, so bekennt sie, "ein wichtiger Bestandteil meines Lebens". Lange arbeitet sie eine wahre Bandbreite von Sujets ab, von Naturaufnahmen über Architektur bis zur Street Photography. Motiviert durch sechsmonatige Sabbaticals in London (2012, 2015), intensiviert sie ihr künstlerisches Engagement noch weiter mit einer Reihe von Experimenten und  einem erstarkenden Interesse an abstrakter Fotografie. Dann auch erste Ausstellungen und selbst verlegte Publikationen. 2018 wendet sie sich ganz der Fotografie zu und einem für sie bis dahin, wie sie es selbst nennt, "nahezu unbearbeiteten Sujet: der Portrait-Fotografie". Neben individuellen Shootings und der fotografischen Dokumentation von künstlerischen und kunstpädagogischen Projekten nimmt die freie Arbeit nun auch einen immer größeren Raum ein.

Bei ihrem aktuellen Projekt Patchwork Identity wie auch bei Corporeality setzt sie sich mit den Facetten menschlicher Identität auseinander. Durch die Verschmelzung zahlreicher Ebenen sucht sie Vielschichtigkeit und Komplexität der portraitierten Personen zum Ausdruck zu bringen. Auch fokussiert sie dieses Thema in ihren Texten immer wieder und spitzt das dann auf folgende Fragestellungen zu:

"Was formt unsere Identität, was beeinflusst sie? Was macht uns als Menschen einzigartig und unverwechselbar? Welche Rollen füllen wir in unterschiedlichen Lebensbereichen aus? Welches Selbstbild haben wir von uns? Wie möchten wir gesehen werden? Welche Bedeutung kommt unserem Geschlecht zu? Welche Identitätszuschreibungen machen wir, wenn wir auf andere Menschen treffen? Was sind die Facetten menschlicher Identität?"

Wer dabei an mögliche Antworten denkt, wird sich schnell klar, dass die Künstlerin die Latte recht hoch legt. Denn die Frage ist ja eben, über welches Ich-Bewusstsein ein Subjekt, eine Person verfügt und verfügen kann unter ihren konkreten Bedingungen und welche Außenansichten ihr von anderen zugeschrieben werden, mehr oder weniger, bewusst oder unbewusst, von ihr selbst provoziert. Ein solch anspruchsvoller Überbau ihrer Arbeit verschafft uns einen Einblick in die Ernsthaftigkeit der philosophischen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen künstlerischen Produktion. Die aber ist alles andere als Konzeptkunst, sondern visuell, manchmal auch audiovisuell oder gar noch haptisch bestens wahrnehmbar.

Die Fotografin selbst bezeichnet sich als autodidaktisch, was sie da aber und wie schafft und auf einer Meta-Ebene kritisch einzuordnen versteht, macht schon den Prozess ihrer Arbeit zu einem Bestandteil des Kunstwerks. Wie auch dass sie auf die Vielzahl ihrer Fragen im Titel ihres Hauptprojekts der Patchwork Identity bereits eine grundsätzliche Antwort gibt - das alles noch ohne Berücksichtigung ihrer fotobildnerischen Produkte. Das Bewusstsein von der Vielfältigkeit einer singulären Identität, eines einzigen Subjekts, eines einzelnen Menschen und dazu dann die unbegrenzte Zahl seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten ist ein großer Reichtum unserer Zeit, der gerade in der Ukraine in die Steinzeit zurück gebombt werden soll.

Das betrifft auch den Aspekt des Fragmentarischen, woran das englische Wort zumindest in deutscher Übersetzung gleichfalls denken lässt. Das Stückwerk, die Andeutung, der Ansatz, das Nichtausgearbeitete ist in der Kunstgeschichte spätestens seit Michelangelos Skulpturen, später aufgegriffen von den deutschen Romantikern, eine besondere kunstvoll ausgestaltete Erkenntnis, die unsere Fotokünstlerin ganz bewusst zum Maßstab ihres Handelns macht. Und das ist ja zugleich immer auch Einladung und Aufforderung zur Partizipation vonseiten des Publikums, ohne die Kunst gar nicht wäre.

 

Das gilt natürlich gleichfalls für den zweiten Teil unserer Ausstellung der Corporeality, Aktstudien oft des Körpers in Bewegung, beim Tanz. Das sind ganzheitliche Körperportraits, die in ihrer Nacktheit jenseits von Erotik oder gar Pornografie - ohne die etwa negativ konnotieren zu wollen - anzusiedeln sind, was dem Algorithmus bei Youtube erst mittels seiner menschlichen Kolleg*innen auszutreiben ist, aber immerhin, bei Facebook geschieht solches in der Regel erst gar nicht. Bewusst oder unbewusst, dadurch dass Beate hier ein Prinzip des hochdotierten deutschen Altmeisters Gerhard Richter, nämlich diese Unschärfe-Technik anwendet und sie dann in einigen Fällen ins Extreme treibt, bleiben der Betrachtung nur noch leise angedeutete, schemenhafte Fragmente von Körpern, nicht viel mehr als visuelle Ahnungen. Auch dazu lohnt ein vertiefender Blick in den Katalog.

 

Ein letztes Wort: Beate bezeichnet sich selbst zurecht nicht nur als Foto-, sondern auch als Film-Künstlerin, als die wir sie noch einmal im September vorstellen möchten, im Monat von KUNO22, der besonders Video- und Filmkünstler*innen gewidmet ist.

 

 

März 2022                                                                                                        Paul Kroker

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PATCHWORK IDENTITY _ Portfolio_deutsch_2
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corporeality_mail_klein.pdf
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Beate C.Koehler CV
Kontakt: p.h.o.t.o.artist@icloud.com
CV Beate C. Koehler 2_22.pdf
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