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DANSE MACABRE

 

 

 

 

LITERATUR

 

Oktober 2022

Eröffnung 13.Oktober, 18:00

 

 

 

 

 

 

 

 

LITERATUR

UKRAINE

Extra-Seite

 

 

Spanien, ein Land der #SprühendenKreativität“, so präsentiert sich der diesjährige Ehrengast der Frankfurter Buchmesse zum größten internationalen Treffen der Buchbranche. Und zwar als „kreativ und digital, inklusiv, nachhaltig“, als „die neue Literatur auf Spanisch“.

Deutlicher könnte man die Begeisterung für diesen Event nicht zum Ausdruck bringen. KUNO stellt auf seiner Oktoberseite zur Literatur aus der großen Zahl der spanischen Messebücher fünf belletristische Werke in deutscher Übersetzung mit ausführlichen Leseproben vor.  

 

Mit Antonio Muñoz Molina, „zweifellos einem der herausragendsten spanischen Autoren der Gegenwart“ (DIE ZEIT), als Eröffnungsgast der Buchmesse, stellt sich ein zeitgenössischer Schriftsteller vor, der aus seinem neuen Roman Tage ohne Cecilia (übersetzt von Willi Zurbrüggen) in diesen Wochen vielerorts in Deutschland  liest.

Voller Vorfreude erwartet ein Mann die Ankunft seiner Frau in Lissabon, die noch berufsmäßig unterwegs ist, während er schon mit Umzug, neuer Wohnung vor Ort, der Renovierung, dem Zurechtkommen in der neuen Stadt zu tun hat und sich in die neue Umgebung einzugewöhnen versucht.

Doch schon auf den ersten vierzig Seiten dieses packenden psychologischen Kammerspiels unterminieren Erinnerungen und Ängste die Hoffnungen des Mannes auf den neuen Lebensabschnitt und nähren bei der Lektüre den Verdacht, dass vielleicht alles ganz anders kommen könnte.

 

Ein zweites faszinierendes Buch gelingt der Philologin und Schriftstellerin Irene Vallejo (Saragossa, 1979), Trägerin bedeutender Auszeichnungen für ihr essayistisches wie belletristisches Werk, bereits 2019 mit einer großen erhellenden, erfrischenden Erzählung unter dem vielleicht zunächst etwas spröden deutschen Titel Papyrus (2022). Doch der Untertitel Die Geschichte der Welt in Büchern (aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby) verweist schon darauf, dass hier nichts abstrakt und abgehoben abgehandelt wird, sondern (eine) Geschichte erzählt wird. Und so liest sich das und mit Gusto:

 

„Die neugierig vor ihren Hütten lungernden Bauern, die Söldner und die Banditen hätten ungläubig Mund und Augen aufgerissen, wenn sie gewusst hätten, worauf die fremden Reiter aus waren. Bücher. Sie suchten Bücher. Es war das bestgehütete Geheimnis des ägyptischen Hofs.“

 

In der Tat, ein Buch wahrer Abenteuer. In gewisser Weise für Jung und Alt. Denn wer hier schreibt, ist auch prämierte Kinder- und Jugendbuchautorin. 

 



 

Mitte der Neunzigerjahre auch in Deutschland berühmt und einer der erfolgreichsten Autoren der spanischen Gegenwartsliteratur weltweit, Javier Marias, wird seinen neuen Roman in Frankfurt nicht persönlich vorstellen können. Er verstarb im September an den Folgen einer Corana-Erkrankung (s.u. Nachruf). Der Roman Tomás Nevinson, der sich thematisch des Terrorismus‘ von ETA und IRA in den 1980ern annimmt, erscheint pünktlich zur Buchmesse auf Deutsch.

 

Mac und sein Zwiespalt ist der Titel des gerade erschienenen humorig-ironischen Romans von Enrique Vila-Matas über Fragen nach dem Akt des Schreibens, was seine Leserschaft mit hineinnimmt ins schreibende Vergnügen, wobei durchaus grundsätzliche Themen von Literatur, Kunst und Philosophie berührt werden.

 

Mit Kiko Amats Träumen aus Beton entdeckt der deutschsprachige Raum einen Neuling mit allerdings schon zwanzigjähriger literarischer Karriere im eigenen und Ausland. Es ist ein Eintauchen in familiäres Elend der Peripherie Barcelonas, in die „Blähungen, Pickel und Entzündungen“ dieser Wohnlandschaften. Wer da rauskommt, landet vom Regen in der Traufe und vielleicht wie der Protagonist im Wahnsinn und der dazu gehörigen Anstalt. Ein „melancholischer, kraftvoller Endzeit-Roman“ (Deutschlandfunk).

 

Per Klick zu den Leseproben

 

DEUTSCHER  BUCHPREIS 2022 

 

„Ich kam einfach mal geschminkt zum Kaffee… oder dann später in einem Rock zum Weihnachtsessen. Ich wusste oder nahm an, dass Mutter es dir gesagt hatte. Es.“ So beginnt der Roman von Kim de l’Horizon und hier mit eigenen Worten ein kurzes Resümee: „In Blutbuch geht es um eine nonbinäre Hauptfigur und ihre Mütter, also Mutter und Großmutter. Die Großmutter erkrankt an Demenz und das ist eigentlich Auslöser für die Hauptfigur, um sich mit der Familiengeschichte auseinander zu setzen, mit dem eigenen Körper und den Fragen, wie es dazu kommt, wer wir sind“.

 

Jan Faktors Schelmenroman eines Außenseiters beschreibt den Weg dieses selbsternannten Trottels von Prag nach Berlin. Vom abgebrochenen Informatikstudium, dann Hilfsjobs diverser Art, von Prags Kneipen und Weinstuben nach dem sowjetischen Einmarsch, ersten Liebesunternehmungen mit „meiner schönen Mährin“, diesem „zarten Produkt außerstädtischer Ahnungslosigkeit“.

Schließlich Ost-Berlin und die Untergrundszene des Prenzlbergs während Realsozialismus und Nachwendezeit. Das alles eigenwillig grotesk vom Erzähler berichtet mit bestechenden Wortfindungen, ohne den dunklen Kern des Romans auszulassen, den Suizid des dreiunddreißigjährigen Sohnes.

Provokant schon der erste Satz des Textes, dessen Frage das Leitthema des Buches anschlägt, „ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann“.

Dreißig Jahre hat er geschuftet als Arbeiter der ersten Generation sog. Gastarbeiter in Deutschland. Hüseyin kommt aus der Türkei, ist eigentlich Kurde, mit dem Traum einer Eigentumswohnung in Istanbul, einer Stadt, die er nur flüchtig kennt. Nun in Rente wird sein Traum wahr und, kaum in der Metropole am Bosporus angekommen, erleidet er einen Herzinfarkt. Zur Beerdigung kommen Frau und Familie.

In Dschinn erzählt Fatma Aydemir von sechs Menschen, ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer Verzweiflung und zugleich davon, was ihnen allen gemeinsam ist: Heimatlosigkeit und Sehnsucht, verstanden zu werden. 

„In Spitzweg geht es um eine folgenschwere Kunststunde, während der eine sehr begabte Schülerin eine vermeintliche Demütigung erfährt wegen eines Bildes, das verschwindet wie sie auch selbst . Die Handlung des Buches besteht nun darin, dass zwei Freunde sich zusammentun, um sie zu rächen und im Namen der Schönheit und der Kunst das Leben unter die Lupe zu nehmen“ – so im Telegrammstil der Autor Eckhart Nickel. Die Jury urteilt ganz zurecht so: „Ein großes intelligentes Lesevergnügen“, und unterstreicht damit die Sprachkunst nach Art der Meister der Moderne, „das uns veranschaulicht, wie auch über Kultur diskutiert werden kann“.

Erläutert Kristine Bilkau, die Autorin: „Nebenan ist ein Roman über einige Menschen am Nord-Ostsee-Kanal und über die Brüche in diesem sozialen Miteinander. Es geht um zwei Frauen, Astrid und Julia, die durch einige unheimliche Ereignisse einen frischen, genaueren Blick auf ihr Miteinander bekommen. Außerdem geht es um die Bedeutung des Zuhauses, welche Ideale und Ängste, Irrtümer und Täuschungen mit dem Ort verbunden sein können“. Aus dem Kommentar der Jury: „Die Stärke dieses subtil erzählten Romans liegt in den Details und den kleinen Kippmomenten… Nicht nur den Figuren, auch den Lesenden wird immer wieder der scheinbar sichere Grund unter den Füßen weggezogen.“

 

„Mein Buch erzählt die Geschichte einer Hausfrau und Mutter in der westdeutschen Provinz der 80er Jahre“, so Daniela Dröscher, Autorin von Lügen über meine Mutter, „sie versucht abzunehmen, denn ihr Ehemann findet, sie ist zu dick. So gerät diese Frau in eine Mühle von Diäten.“ Doch diese Frau wehrt sich und sperrt am Ende den Herrn des Hauses aus. Im Kommentar hebt die  Jury hervor: „Daniela Dröscher erzählt ihre von essayistischen Einschüben unterbrochene literarische Mikrosoziologie aus der Kinderperspektive“.

 

per Klick zur Web mit den Hörproben

 

William S. Burroughs

(1914-1997) 

Im August dieses Jahres jährte sich sein Todestag zum 25. Mal.

Anlass genug, des Protagonisten der Beatgeneration

und ihrer Gegenkultur zu gedenken.

Dank an C. C. Kruses pünktliche Erinnerung.

 

 

Mit diesem Roman erweist sich William Burroughs, so Norman Mailer, als "der einzige amerikanische Romancier, der vielleicht ein Genie ist". Zu einer Zeit, wir schreiben das Jahr 1959, als solcherart Themen wie ihre Realität in der Regel noch unterschlagen werden, bietet Burroughs öffentlich Zugriff auf die Halluzinationen aus dem Höllenleben eines Junkies. Zerrissen von der Gier nach dem Stoff und der peinigenden Lust des Fleisches, gejagt von Bullen und Dealern, verbringt sein Doppelgänger die Tage zwischen Dreck und Drogen, der Körper von Miasmen geplagt und von Phobien sein Geist. Mit dem Scharfsinn der Paranoia und phantastischer stilistischer Akrobatik legt Burroughs den Finger in offene Wunden und entwirft unverblümt und dreist ein Porträt Amerikas wie im Säurebad, ein Porträt, das Standards setzt für Lebensszenarien im Alltag wie auch für Horrorliteratur und -film. Burroughs' Amerika unterwirft alles seiner "Algebra of Need", dem System von Abhängigkeit und Sucht, das Individuen  entmenschlicht und reduziert auf Phantomkörper mit Gehirnen im Stadium der Zersetzung. Naked Lunch als erster Warnruf vor dem großen H und den irreparablen Schäden der Drogen für die Einzelnen sowie die Gefahren für die Gesellschaft.

 

 

William Burroughs — Why I Stopped Wanting to be President (1975)

"Sowohl in diesem Leben als auch in allen früheren Inkarnationen, die ich überprüfen konnte, wollte ich nie Präsident werden. Diese angeborene Entscheidung wurde bestätigt, als ich lesen und schreiben lernte und sah, wie der Präsident Babys betatschte und Blödsinn redete. Ich besuchte die Los Alamos Ranch School, wo später die Atombombe hergestellt wurde, und Bomben..."

 

September 2022                                                                                                         Paul Kroker

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