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OUTNOW! Festival Bremen

 

Hoch auf dem Piedestal 

 

steht sie schon vor der eigentlichen, fast einstündigen Aufführung, aufrecht, nackt und unbeweglich. Eine fleischliche Antipodin zur Monumentalstatue des "David" von Michelangelo, eben keine männliche Figur auf ihrem Postament und alles aus Marmor, sondern ein lebendiger Frauenkörper, „exponiert … im Licht von zwei Scheinwerfern“ in all „seiner Schönheit, Stärke und Verletzlichkeit“, so das Programm.

Augenfällig zunächst der Kontrast von Körpervolumen und, besser: auf geradezu fragilem Holzgestell, der Totalbühne einer zutiefst berührenden Performance, deren Eleganz und Expressivität den Leib in seiner Nacktheit von jeglicher Anzüglichkeit befreit. Und ein Wechselspiel von Nähe und Distanz auslöst.

Clarissa Rêgo gelingt in diesem minimalistischen Setting das im wahrsten Sinne atemberaubende Kunst-Stück, Zeit und Raum außer Kraft zu setzen. Und das nicht nur durch ihre großartige Mimik – immer offener der Mund, immer länger das Gesicht, was selbst den "Schrei" von Edvard Munch lautlos übertönt. Vielleicht sind es aber noch mehr die geschmeidigen entschleunigten Bewegungen, die in quasi fragmentiertem Zustand verharren können antiken Torsi nicht unähnlich.

Wenn die Performerin im Finale dann ein schwer definierbares Lamento anstimmt – keine Melodie, kein Klang der Klage, auch nicht der Anklage – und sich dabei in Gänze und freien Willens – immer ohne den Bühnenboden zu berühren –  unter die Sitzfläche ihres Gestells verkriecht, sehe ich ein weibliches Wesen im Käfig, im Kasten, im Knast. Und mir bleibt angesichts solcher Dekonstruktion und Verfremdung  der Atem stocken. Auch der Beifall des Publikums wirkt eher nachdenklich, verhalten. Was ist es, das den eigentlich verdienten Jubel hier kappt?

 

Paul Kroker

 

Lächelnd empfängt sie   

 

selbst bereits am Mikrofon die Besucher*innen ihrer Show, ganz so wie vom Titel der Performance vorgegeben. Dann erzählt die estnische Künstlerin aus ihrem Leben,  wie sie zur Kunst kam und von ihren musikalisch ach so begabten Zwillingsschwestern. Begleitet von gekonnten akrobatischen und stimmlichen Proben, doch auch konterkariert durch selbstironisches Geklimper auf der Ukulele. Das alles als Vorgeschmack bis zum Stichwort für ihren großen Auftritt.

Sie habe immer schon ein Popstar werden wollen, getragen von den Wellen der Begeisterung. Und folgerichtig sprintet sie nun an der ersten Zuschauerreihe vorbei, sie abklatschend, von rechts nach links, von links nach rechts. Dann klatscht sie dem ganzen Publikum im voll besetzten Saal zu, das sich mehr und mehr seiner partizipativen Rolle bewusst wird und zurückklatscht. Großer augenzwinkernder Beifall.

Doch Karolin Poska scheint kein Ende zu kennen. Ihr Klatschen ist kontinuierlich und konstant. Ohne Zweifel, die Performerin zeigt sich geradezu klatschbesessen. Und exerziert gefühlte dreißig Minuten lang alle Möglichkeiten des Klatschens mit den Händen durch, sie windend und wendend, bei stets gleichem Rhythmus. Mit jedoch wechselnder Intensität, auch die Lautstärke variierend.

Im finalen Rausch, unterlegt mit dröhnenden Rhythmen der Soundtechnik, jagt die Claqueurin mehrere Runden durch den Bühnenraum, bis sie, nein, nicht zusammenbricht, sich eher niederlegt.

Schluss. Beifall.

Sie erscheint noch einmal, zweimal, dreimal, viermal… Irgendwann klatscht auch sie wieder, nun wieder dem Publikum zu: nicht enden wollende Akklamationsorgie Teil 2. Dabei leert sich der Zuschauerraum langsam. Bis vielleicht noch zehn, fünf bleiben und die Performerin sich friedlich zu ihnen setzt.

„Kann es gelingen, den Moment kurz nach der Aufführung zur Aufführung zu machen?“ fragt das  Programmheft. Wir können sagen: Kann es, kann es.

 

Paul Kroker

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