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2x BallettCompagnie Oldenburg

“Am Ende unser Schatten“

 

Die Choreografie von Luca Veggetti überträgt ins Visuelle Arnold Schönbergs „Pelleas und Melisande, op. 5“ von 1905. In der musikalischen Interpretation des Oldenburgischen Staatsorchesters unter dem Dirigat von Vito Cristofaro und dank der sechs Tänzer*innen der BallettCompagnie Oldenburg, sowie des Lichtdesigners Vincenzo Raponi. Nicht zu vergessen, dass Schönbergs Werk natürlich ohne das symbolistische Drama von Maurice Maeterlinck „Pélleas et Mélisande“ undenkbar wäre, wie dies auch für Veggettis Arbeit selbst gilt.

Zu diesem Gesamtkunstwerk – und an dieser Stelle wird der oft inflationär benutzte Begriff tatsächlich wieder voll gültig – tragen natürlich auch Ballettmeisterin und Dramaturgin noch mit ihrer je eigenen Ästhetik bei.

Maeterlincks Drama von Liebe und Eifersucht, selbst angeregt durch Werke vorauf gegangener Dichter, inspirierte wiederum einige bedeutende Komponisten des anbrechenden 20. Jahrhunderts, neben Schönberg auch Debussy und Sibelius.

Der italienische Gastchoreograf zieht sich jedoch gekonnt aus der Affäre, vom kulturgeschichtlichen Ballast erschlagen zu werden , indem er die ursprüngliche Liebestragödie aus jeglicher Gefühlsverstrickung befreit und  in ein dunkel gehaltenes Geometrisch-Räumliches überführt. Dank dreier überlanger Alustangen variieren abwechselnd alle Tänzer*innen des Sextetts Grenzsetzungen, evozieren Last und Bedrohung, zeigen aber auch Auswege auf.

Ursprünglich ja eine Dreiecksgeschichte mit Ehemann/Gattin/Liebhaber löst der Choreograf auch das Personal auf, indem er die Figuren doppelt, wobei bei den männlichen nicht immer klar auszumachen ist, who is who. Diese Doppelung wird nicht zur Spiegelung im realen Raum, sondern verweist eher auf das Faustische "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" samt deren verzwickter Verwicklungen. Ein Tanz kühl aufblitzender Metallstangen und plastischer Körperlichkeit durchaus von kontrastivem Reiz. 

Was alles nicht so nachhaltig funktionieren würde ohne die mal ganz simple (mit Taschenlampen), dann aber auch komplexere Lichtregie, die mit großer Raffinesse das Maeterlincksche Schatten-Zitat aus dem Titel in die Praxis umsetzt zu einem Schattenspiel mit den agierenden Figuren allerdings nicht hinter, sondern vor der Projektionsfläche. Als Höhepunkt wiederum eine Doppelung, die keine wirkliche ist, weil Lichteffekte die Nähe der beiden Liebenden suggerieren, die auf der Bühne nur Liebesgesten auf Distanz austauschen. Was bleibt, ist „der Schatten eines Traums“ (Karoline von Günderrode).

Ein Wort noch zur Musik. Schönberg hatte vollkomen recht, dass die „hervorragenden Züge“ seiner Kompositionen nicht auf „Atonalität und Dissonanzen“ zu reduzieren seien. Wer sich dieses op. 5 noch einmal in Ruhe anhört, zum Beispiel in der Interpretation von Daniel Barenboim oder Claudio Abbado, wird sich der spätromantischen Klangwelt im modernem instrumentalen Gewand kaum entziehen können. Dass es dabei, wie von Schönberg vorgesehen, der Wucht eines orchestralen Aufgebots von mehr als achtzig Musiker*innen bedarf, scheint, schenkt man dem eigenen Gehör Glauben, mehr als nachfühlbar .

Solches gibt natürlich der räumlich begrenzte Oldenburger Orchestergraben nicht her. Was aber die viel gelobten Musiker*innen und ihren Maestro nicht hinderte, ihr Bestes zu geben.

Der um ein knappes Jahrzehnt jüngere Igor Strawinsky reicht Schönberg die Hand und ihm auch das Wasser, als er 1913 mit „Le sacre du printemps“ in der Choreografie von Waslaw Nijinsky einen veritablen Publikumsskandal auslöst.

Und damit nimmt nach der Pause die Vorstellung nochmal richtig Fahrt auf.

Wer´s einmal gehört hat, wird diese hämmernden Akkorde, diese stampfenden Rhythmen schwerlich vergessen, wenn die Streichinstrumente zu Schlagwerken werden! Doch auch hier: Das ist natürlich nicht der ganze Strawinsky, denn der große Protagonist moderner Kompositon verweist durchaus noch mit eher ruhigen melodischen Anklängen auf seine spätromantisch-impressionistische Herkunft.

Die vielen Choreografien, hier sei nur die von Pina Bausch erinnert, verewigt in Wim Wenders 3-D-Film, räumen nicht so einfach einer neuen Interpretation visuellen Platz ein. Doch Antoine Jully nimmt als hochgelobter Hoffnungsträger in der heutigen Tanzwelt mit dieser Uraufführung in Oldenburg die Herausforderung an.

Nastasja Fischer, die Dramaturgin, betont im Programmheft, Jully ehre „das große Erbe der Originalchoreografie von Waslaw Nijinski und der -idee von Igor Strawinsky und Nikolas Roerich“  und habe es „auf das Heute übertragen“. In der Tat wird die ursprünglich ergreifende Archaik von Tanz, Gestik und Bewegung in der Fotografie von Stephan Walzl auch wirklich hervorragend eingefangen und dokumentiert viel mehr, als sich real auf der Bühne entfaltet.

Da bleibt dann eigentlich allein die Erinnerung an eine Leichtigkeit in den Bewegungsabläufen, die wieder einmal die perfekte Harmonie der BallettCompagnie bezeugt.

Unter dem Eindruck des vom Bühnenhimmel herabgelassenen wuchtigen Wurzelwerks (Bühne/Kostüme Judith Adams), wenn sich also das Geschehen eher weit unter der Graswurzel- auf der Maulwurfsebene verorten lässt, kommt es hier zu einem merkwürdigen Kontrast mit dem eher an eine Beachlocation erinnernden Outfit der bis auf ihren hellblauen Slip fünf nackten Tänzer, die buhlend, streitend die Übermacht der sieben wohlbekleideten Frauenfiguren betanzen. Eingehüllt in graue Uniformkleidchen, bewegen sich die in verschiedensten Formationen einem Schwarm von Schmetterlingen gleich.

Ein irgendwie geartetes Konfliktpotential, ja Dramatik oder gar basisdemokratisch Politisches lässt sich nicht ausmachen. Und weit gefehlt, wem da der Ausruf „Gut gewühlt, alter Maulwurf!“ in den Sinn kommt.

alle Fotos © Stephan Walzl

Woran auch die beiden durchaus faszinierenden Zentauren, „Chefs“ im Programmheft genannt, nicht wirklich etwas ändern. Mit nacktem Oberkörper aus hohen betongrauen Sockeln heraus zwar äußerst agil, werben sie mit gestikulierendem Gegrapsche, doch eher vergeblich um die Gunst ihrer Untertanen, natürlich besonders der weiblichen.

Dass so die bereits totgeglaubte, doch aber noch zu opfernde Jungfrau – herrlich die Slapstick-Szene, in der als definitiver Todesnachweis ihr Fuß zweimal auf den Bühnenboden klatscht – wieder aufersteht und einen finalen Sprung wagt – ja wohin eigentlich?

Licht aus. Großer Beifall.

„Wir leben in einer merkwürdigen Welt, in der niemand wagt, über unser gegenwärtiges politisches System hinaus zu schauen, obwohl klar ist, dass die Antworten, nach denen wir suchen,  sich nicht in der heutigen Politik finden lassen“ – so wird Greta Thunberg im Programmheft zu diesem Teil des Abends zitiert. Selber kein Bewohner des Elfenbeinturms, halte ich diese Form der Aktualisierung für sehr frag-würdig. Denn wenn man die politische Instrumentalisierung von Kunst ablehnt, sollte das nicht umgekehrt auch für zivilgesellschaftliches Engagement gelten?! Und welchen ethischen und ästhetischen Mehrwert ergibt diese intendierte Politisierung für diese konkrete künstlerische Produktion von Jully?!

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