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"Blindflug ins All" blind genießen?

Es war das Orchester im Treppenhaus.

Wir hatten einige der Musiker*innen schon einmal erlebt bei einer inspirierenden, partizipativ angedachten Performance im Sprengel-Museum, und zwar im dortigen Treppenhaus.

Und es war das ungewöhnliche Konzertformat Dark Room.

Also ein Live-Hörspiel-Konzert im Dunkeln, womit, aber auch nicht ausschließlich damit, dieses Orchester unter dem Dirigat von Thomas Posth seit 2012 auf sich aufmerksam macht, bundesweit und international. Ein Kammerorchester mir zwei Dutzend Musiker*innen, die je nach Konzert und Format zum Einsatz kommen.

Das war es erst einmal, was unser Interesse an dieser Veranstaltung der 33. Niedersächsischen Musiktage auf sich zog, als Premiere in ungewohnter Location, in der großen, schwarz verhangenen Schalterhalle der Kreissparkasse Verden.

© Yvonne Salzmann   17.5.2018
© Yvonne Salzmann 17.5.2018

Im Gänsemarsch in den Saal mit einer Schlafbrille vor den Augen, dann auf Liegestühle platziert.

So harrten wir dem Kunstgeschehen wie im Kino, wenn es dunkel wird, mit dem nämlichen zu lauten Alltagsplausch ein paar Reihen hinter uns.

 

Dann ganz leise aufziehend rhythmisierende Streicher, schnell eingebettet in sphärisches Raunen, Rauschen und Aufbrausen des ganzen Orchesters: bei Mars, dem Satz aus der Sinfonie Die Planeten (1914-16) von Gustav Holst. Und schon hat man das Gefühl, was im Titel der Veranstaltung Blindflug ins All versprochen: eine unglaubliche Erfahrung von Tiefe, ein Schweben in die Weiten des Raumes. Allein dank der musikalischen, klanglichen Mittel der angekündigten siebzehn Musiker*innen, die allerdings wie ein ganzes Sinfonieorchester aufspielen. Ein erhabener, mitreißender Klangkörper, so dass man länger sich dieser Musik hingeben will.

Für Musikinteressenten haben wir hier die für die Veranstaltung ausgewählten Musiken des englischen Komponisten Gustav Holst (1874-1934) zusammengestellt, hier in der Version des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Sir Charles Mackerras.

 

 

Mars-Sonate

Venus-Sonate


 

 

Dann der Vokaleinsatz der beiden Synchronsprecher Tobias Kluckert und Marcus Off, die deutschen Stimmen internationaler Filmstars. Sie berichten im Dialog der beiden Kosmonauten der Woschod 2, des Kommandanten Pawel I. Beljajew und Generalmajors Alexei A. Leonow, von den dramatischen Ereignissen des Raumflugs, bei der Leonow als erster Mensch sich außerhalb der Kapsel im Weltraum bewegt. Nur zweieinhalb Monate vor Edward H. White im Juni 1965, als

die USA im Kalten Krieg um den Weltraum den sowjetischen Vorsprung einholen.

 

Immer wieder musikalisch unterbrochen und begleitet auch von den Kompositionen von Marko Nikodijević (1980, Serbien) und Giovanni Sollima (1962, Italien), die wir hier unten verlinken, um sich eine konkrete Vorstellung davon zu machen.

Und an dieser Stelle auch eine Verbeugung vor der kompositorischen Auswahl, die sich uns erst ganz im Nachhören erschließt. Aber dazu dienen Live-Konzerte ja auch, dass man sich mit ihren Musiken noch weiter auseinandersetzt, wofür es nicht nur der Kenner-, sondern vor allem der Liebhaberschaft bedarf.

 

Auch der Komponist Marko Nikodijević eröffnet immer wieder neue instrumentale Klangräume und erläutert auch das Wie:  „Konkret ist es die Arbeit mit pulsierenden Rhythmen und Loops und langsamen timbralen Änderungen.“ In Bezug auf das das Klavierkonzert gesualdo dub/raum mit gelöschter figur (2012) basiert das auf einer „Transkription eines Audiofiles für Instrumente. Eine praktisch endlose Schicht von Effektgeräten bearbeitet dann dieses auf ein Minimum reduzierte Material.“

 

 

Mit dem Text des „Hörstücks“ von Ulrich Klingenschmitt verspricht der Flyer und das vielleicht ein wenig vollmundig: „Das Festivalthema Mut schillert hier in allen Facetten von Kühnheit, Hybris und Leichtsinn“. Indem nämlich „eine Geschichte über den Wettkampf der Ideologien zweier Großmächte“ inhaltlich allerdings aber bestenfalls gestreift wird. Und dann folgt – man beachte die Wortwahl: „die Geschichte zweier einfacher Männer, denen alles abverlangt wird“. Zumindest ein wenig unterschwellig hagiographisch, handelt es sich doch natürlich um bestens ausgebildete hochkarätige Offiziere der sowjetischen Raumfahrt.

Ganz ähnlich, wohl aber parteipolitisch und systemimmanent prägnanter werden sie in der sozialistischen Heimat gefeiert worden sein, als Helden der Arbeit der immer siegreichen Sowjetmacht. Die Wortwahl des Flyers jongliert hier gefährlich auf des Messers ideologischer Schneide. 

 

 

Die Performance selbst wählt einen anderen scheinbar realitätsnäheren Jargon für diese „einfachen Männer“ in ihrer „kleinen fliegenden Blechbüchse“, so als hätten die beiden grad die Grundausbildung als Armeepiloten hinter sich. Und seien ganz frei im Kopf und beim Sprachgebrauch von jeglichem stalinistischen Einfluss. Nur ab und an blitzt so etwas auf wie Furcht vor Überwachung seitens der Bodenstation, doch die gilt nur der Anredeform zwischen ihnen beiden, ob per Du oder Sie.

Eigentlich nicht einzusehen, warum gerade sie als Helden dienen, so ungenügend ausgestattet weniger in ihrem Raumschiff, sondern vom Text, der in seiner Beliebigkeit alle Dramatik der Musik überlässt. Die macht es in der Tat auch sehr gut.

Warum dann nicht ein Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum überhaupt und das war schon 1961? Und warum denn, wenn man unbedingt an diesem Thema festhält, zurückgreifen auf damals?!  Das waren zwar die Alexander Gerst von einst. Aber was der von seiner letzten Raumfahrt berichtet, mit welchen Unvorhersehbarkeiten er als Kommandant zu kämpfen hatte, qualifizierte ihn, wenn man denn wollte, durchaus als Protagonisten. Man könnte ihn allerdings wohl schlecht zum Helden verbiegen.

Dass dieser Text das Publikum mit einigen „ultimativen Fragen der Menschheit ebenso zeitlos wie aktuell“ (Flyer) konfrontieren wolle, ist als Absichtserklärung ehrenwert. Werden da aber nicht vielleicht bereits offene Türen eingerannt?!

Und historisch und ideologisch scheint kaum ausgewiesen, dass Beljajew und Leonow vor mehr als einem halben Jahrhundert in ihrer kleinen Kapsel sich ernsthaft mit solch fundamentalen Fragen beschäftigt hätten, was uns denn diese Erde bedeute, was ihre Rolle im Kosmos sei, wie klein und verletzlich dieses unser kostbares Habitat. Alles eher denkbar in einer vergleichbaren Extremsituation heutzutage.  

 

 

Wir selbst hätten uns gern ganz und gar der Musik überlassen. Allein, es war uns nicht gestattet.

Und so holen wir es nach und präsentieren hier zum versöhnlichen Abschluss die sehnsuchtsvolle Terra Aria von Giovanni Sollima, der immer wieder am Cello seine eigenen Kompositionen zur Aufführung bringt. Nicht nur ohne Zweifel der Minimal Music eines Philipp Glass zugetan, wird sein Schaffen durch die eigenen sizilianischen musikalischen Wurzeln bestimmt sowie schließlich durch Einflüsse zeitgenössischer E-Musik. Von US-amerikanischer Kritik wird seine Arbeit deshalb als postminimalistisch charakterisiert…

 

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