Rabenschwarzes Jahr für die Kultur - Bilanz 2020 und Forderungen



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Auf den Spuren...

 

made in Deutschland – BauHaus stellt das Tanzstück von Günther Grollitsch (Projektleitung/ Choreografie) und Fabian Aimar (Idee/ Dramaturgie), in Kooperation mit tanzbar_bremen und produziert vom steptext dance project, unter die Leitfrage des Bauhaus-Gründers Walter Gropius: „Wie werden wir wohnen, wie werden wir siedeln, welche Formen des Gemeinwesens wollen wir erstreben?“ Grundfragen der Weimarer Zeit nach den Materialschlachten des 1. Weltkriegs, der Deutschland allerdings – anders als andere Regionen Europas – weitgehend unversehrt ließ. Grundfragen aber, die sich heute 75 Jahre nach der Nazi-Diktatur und den Verwüstungen des 2. Weltkriegs und nachfolgenden wechselhaften neuen Erfahrungen immer noch stellen lassen (müssen). Gerade angesichts des wachsenden Bewusstseins von der Endlichkeit des Planeten und den Gefahren, die von jenen ausgeht, die genuss- und todessüchtig getrieben sind, dieses Ende möglichst schnell zu antizipieren.

Um existenzielle Antworten zu finden, braucht es neben der wissenschaftlichen Forschung die kreative Kraft des künstlerischen Experiments, ästhetische Spielräume für eben jene „Formen des Gemeinwesens“ auszuloten.

 

Ein Exempel statuiert dabei ansatzweise das inklusive Tanzprojekt mit dem etwas sperrigen Titel made in Deutschland – BauHaus in der Bremer Schwankhalle. Einmal schon mit dem beteiligten Personal: auf der Bühne unter den sieben Tänzer*innen mehr junge Frauen als Männer, mit und ohne Beeinträchtigung. Das Stück dann, kreiert von dem gebürtigen Argentinier Fabian Aimar und natürlich von Günther Grollitsch, dessen Wiege in Klagenfurt stand. Wohl dosiert das Licht von Carlos Heydt (auch Technik), Produktionsleitung: Corinna Mindt /Tim Gerhards, Kostüme: Silke Schumacher-Lange.

Nun zu dem, was wir auf der Bühne sahen und nicht in den verschiedenen Quellen off- und online.

Foto Marianne Menke
Foto Marianne Menke

 

Der Prolog der einstündigen Performance stellt szenische Étuden klassischen Balletts nach, durchaus auch mit ironischer Note, wobei die vier Tänzerinnen ihre Reifröcke auch neckisch mal links, mal rechts und schließlich auch frontal lüften – Andeutungen an den Cancan vergangener Zeiten.  Mit einem schönen Finale, wenn die kleinste der drei Tänzerinnen sich nach ihrem Solo zurückzieht, dabei ihren Rock vor sich aufbauschend zu einer leicht rosa Muschel. Toller Kontrast zum folgenden Szenen-Schnitt mit Bühnenumbau: Was eben noch die Spiegelwand einer Ballettschule war, wird zu einer in ihrem Konstruktivismus beeindruckenden Kulisse in schwarz/weiß, mit deren einzelnen, immer wieder umgebauten Elementen fortan bühnenbildnerisch und choreografisch gespielt werden kann.

 

Davor aber nun noch Tanz-Theater, das in die Gegenwart hineinreicht. Besonders diese Szenen mit schmalen weißreflektierenden Stretchbändern, wobei auf abgedunkelter Bühne die sieben schwarzgekleideten Körper mit immer neuen Gestaltungskombinationen eine ganze Bandbreite wandelbarer Geometrien entwerfen wie auf diesem Foto:

Foto: Daniela Buchholz
Foto: Daniela Buchholz

 

Offensichtlich nur bei den Proben mit Holzstäben sind diese wunderschönen Fotos entstanden, wobei da vielleicht klargeworden sein mag, was dieses Material unter den konkreten Bühnenbedingungen an Komplikationen und eventuell sogar an Verletzungsgefahr bergen könnte:

Fotos: Daniela Buchholz

 

Im Folgenden werden immer wieder Wandobjekte zu Tanzelementen umgebaut (BauHaus!), was zu einer Vielzahl an tänzerisch expressiven, auch akrobatischen und artistischen Bewegungen in der Gruppenperformance verführt.

Fotos: Marianne Menke

 

Worüber man nach dieser gelungenen Stunde ästhetischer Übungen vielleicht nachdenken könnte: dass bei dem Vorgang der ästhetischen Herstellung neuer inklusiver Formen im Medium des Tanzes entscheidend wohl nicht das perfekte Endprodukt und die Aufführung vor einem Publikum ist, sondern der Akt des Produzierens selber eben im Sinne des Ausprobierens „neuer Formen des Gemeinwesens“.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sigrid Meyer (Dienstag, 04 Februar 2020 22:47)

    Es war großartig!
    Sehr toll gemacht und die originale Idee finde echt super.

  • #2

    Igor Scwab (Freitag, 07 Februar 2020 12:31)

    Ich war echt überrascht. Danke für die tolle Aufführung.