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Lassnigs Leibesvisite - von Paul Kroker

 

„Lieber penetrant als elegant“ so Maria Lassnig (1919-2014) als Mittsiebzigerin. Provokant ist sie aber Jahrzehnte zuvor auch schon, wenn sie im New York der 1970er dazu aufruft, den Stil möglichst jede Woche zu ändern.  Sie favorisiert eine drastische Malerei, sie agiert durchaus chaotisch, alles geht an ihre Herzfasern. Getrieben von ihrer Mal-Sucht, einer ästhetischen Suche mittels des Körpers. Ihres Körpers. Als Schlachtfeld.

 

Die Zeichnung Selbstporträt hinter Gitter (1976), das Ölgemälde Fruchtbarkeit (1964), das Aquarell Sanfter Schlaf (1983) – alle aus der Sammlung Klewan in der Bremer Ausstellung – machen den schöpferischen Reichtum der Künstlerin deutlich, der oftmals jede zeitliche, formale, stilistische Kategorisierung aushebelt (alle PDF). Der letzten Arbeit geht übrigens das in seiner erotischen Ausstrahlung ungemein drastischere Mit dem Tiger schlafen (1975) voraus:

 

Zeichnen und malen tut sie seit Kindheitstagen. Und das hat sie niemals losgelassen. Und sie probiert nach der Akademieausbildung in Wien, wo sie in den 1940ern schon mal als „entartet“ aus der Malklasse geworfen wird, später dann in Paris, dann wieder in Kärnten und darauf in den USA viele der damaligen „Ismen“ durch: Surrealismus, informellen Abstraktionismus, abstrakten Expressionismus. So ist schon da ihr Werk vielgestaltig, mal figürlich, mal abstrakt, und immer chromatisch expressiv. Und sie findet den sie charakterisierenden Stil, auf den sie sich natürlich nicht festlegen lassen will. Doch da ist jedenfalls das, was sie auszeichnet: diese merk-würdige Körpergefühls-/ Körperbewusstseinsmalerei, oder wie sie das auch nennt „body-awareness-paintings“. Da nimmt sie viel früher Erlerntes und Erfahrenes mit. War sie doch in Paris auf die Surrealisten um André Breton getroffen. Hat deren Schreibstil kennen gelernt: das automatisches Aufschreiben nächtlicher Traumerlebnisse. 1948/9 also beginnen ihre Körperbewusstseinszeichnungen. Nachdem sie in der Akademie erfährt, dass es auch als Malerin mehr gibt, als visuelle Erfahrungen wahrzunehmen, zu verarbeiten und sozusagen abzumalen. Sie erkennt die Bedeutung, mit den eigenen Sinnen umzugehen. Und nicht nur anlässlich einschneidender Erfahrungen wie dem schmerzlichen Tod der Mutter. Sondern gleichfalls bei denen des Alltags.

Denn Maria Lassnig ist dünnhäutig und feinfühlig und kann Körpergefühle, z.B. das Sitzen auf einem Stuhl nicht nur als solches beschreiben, sondern macht das zum Material ihrer Malerei. Wie zum Beispiel in den Sesselselbstporträts der Sammlung Klewan in der Bremer Ausstellung. Und oft malt oder zeichnet sie das mit geschlossenen Augen, auf dem Malgrund liegend.

 

Bild: s. PDF, Text: Ausstellungsbroschüre

Solches so spontan gezeichnet, gemalt, so unfertig es wirken mag, wird dann eben oft schon gleich als fix und fertig erklärt. Obwohl eigentlich ein Hintergrund fehle, was die Künstlerin selbst schon nicht ganz unproblematisch findet. Aber das Bild später noch zu bearbeiten – was ja durchaus auch passiert –, würde ja zu einem anderen Bild führen, weil dann wohl die Gefühle auch andere wären.

 

Zwei bedeutende Künstlerinnen fallen einem bei dieser Maria Lassnig ein. Die erste, eine Generation ältere ist Paula Modersohn-Becker – deshalb hospitiert kongenial das nach ihr benannte Museum die Bremer Maria-Lassnig-Schau – und es liegt auf der Hand warum. Es ist die forcierte ästhetische Selbstbestimmung der beiden Künstlerinnen, kulminierend einmal in Paulas kunstgeschichtlich kühnem und einzigartigen weiblichem Selbstakt von 1906. Und seinem großen wissenden Blick aus dem angestammten Saal 2 hinüber in den ersten von Maria Lassnig. Wahlverwandtschaft, ja.

 

Maria Lassnigs unzählige Selbstportraits, in denen sie sich unverstellt und schamlos, also frei von Scham darstellt, entsprechen natürlich ganz ihrer poetischen Ästhetik. Von welchem Körper, welcher Haut, welchen Gefühlen und Gelüsten wäre denn authentisch zu malen, wenn nicht von den eigenen?! Diese Künstlerin verfolgt ihren eigenen unabhängigen künstlerischen Weg ohne Unterlass. Malen, Zeichnen ist ihr Lebenselixier.

 

 

Der Erfolg erreicht sie glücklicherweise noch im Zenit ihrer Schaffenskraft, immerhin zählt sie da schon mehr als sechs Dekaden. Da wird sie 1980 an die Wiener Kunstakademie berufen, erhält ein Jahr vor ihrem Tod den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk in Venedig und viele andre (inter-) nationale Anerkennungen. So ist sie ist in ihrem letzten Lebensdrittel voll in der internationalen Kunstwelt angekommen – nach ihren eigenen Worten „alles viel zu spät“.

 

Etwa so wie jene andere schon angesprochene Große Dame der Kunstwelt, kaum zehn Jahre älter, die so deutliche Parallelen zu Maria Lassnig aufweist und gleichfalls bis in die 1980er international kaum bekannt ist: Louise Bourgeois, die US-amerikanische Ikone der Riesenspinnen, was nur eine griffige Formel für ihr Werk ist, das nicht nur die patriarchalische Kunstwelt zutiefst verstört und sicherlich nicht nur wegen seines feministischen Geistes begeistert.

 

Eines ihrer letzten Werke aus dem Jahr 2011:

 

Zu ihrem 100. Geburtstag fanden vielerorts monografische Ausstellungen statt. Mit ein paar Monaten Verzug nun auch in Bremen die erste Einzelausstellung im Paula-Modersohn-Becker-Museum dank der Sammlung von Helmut Klewan. An eben diesem Ort war die Künstlerin bereits in zwei thematisch ausgerichteten Gruppenausstellungen 2012 und 2013 vertreten.

 

Erzählt der Sammler Klewan von seinen Erfahrungen mit der Künstlerin (mehr in der Ausstellung):

 

Das Web ist reich an Fotografien und Videos, die das Werk dieser Künstlerin bestens darstellen und erläutern. Wir möchten an dieser Stelle, sie sich selbst darstellen lassen im Video „Maria Lassnig - Das neunte Jahrzehnt“ mit vielen Bildern und Erklärungen der Autorin.

 

Weitere Werke aus der Sammlung Klewan, alle Angaben s. PDF

Bildunterschriften_Körper.Gefühl - Maria
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