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Die verdrängte...

 

Eine fantastische Lektüre. Ein Vergnügen, Bücher, Filme, Musiken, Theaterstücke wieder und neu zu entdecken aus der ach so fernen DDR, jenes von doch nicht so wenigen hoffnungsfroh gegründeten  und so schmachvollen Endes beschiedenen Landes einer sozialistischen Diktatur auf deutschem Boden. Aber auch eine Diktatur hat eine Kultur und sogar mehrere, wie Volker Gransow anhand der DDR soziologisch nachwies. Und der Autor dieser Zeilen meinte nicht erst mit dem Fall der Mauer hinsichtlich der DDR-Literatur: "Vier Jahrzehnte realsozialistischer Diktatur und Widerständigkeit sind aus dem Gedächtnis nicht auszulöschen dank auch einer Literatur, die ethisch und ästhetisch vielfach schon immer höchste Ansprüche erfüllte."  

Und dieses Sachbuch von Marko Martin bestätigt das nicht nur, sondern erzählt uns das in verschiedensten Strängen, präsentiert ein Netz von Verflechtungen, wie die kulturelle Vergangenheit der DDR bis ins Heute hineinreicht. Denken wir allein an den großen Reichtum, der über das Kulturschaffen im neuen Deutschland und nicht erst seit 1990 hereingebrochen ist, an die vielen, ob nun Bettina Wegner, Georg Baselitz, Neo Rauch, Anna Maria und Vater Ulrich Mühe, Jan Josef Liefers und Anna Loos und die zahllosen hier ungenannten Kunst- und Kulturschaffenden

 

Kleine Auswahl aus den Werken Marko Martins
Kleine Auswahl aus den Werken Marko Martins

Gegen Ende des so ansprechenden wie anspruchsvollen Textes lüftet der Schriftsteller und Publizist Marko Martin das Geheimnis dieses vorab schon mal so gelobten vierhundertsechsundzwanzig Seiten wuchtigen und wundervoll gelungenen Essays - und zwar als schöpferische Anwendung des Prinzips der "Pluralisierung der Geschichte zu Geschichten..., Sondergeschichten statt einer uniformen Monopolgeschichte". Ein Gedanke, den er dankend von Odo Marquard übernimmt und gleichzeitig darauf verweist, was vom DDR-Literaten Hartmut Lange (*1937) entwickelt wurde im Tagebuch eines Melancholikers. Und hier könnten wir uns schon in zwei weiteren geschichtenträchtigen philosophischen Strängen verlieren.

Marko Martin nimmt sich jedoch vor und uns mit auf einen kulturellen Ausflug, der zeigen soll, "was der Osten auch war. Dass die faszinierendsten seiner Kulturleistungen nicht wegen des Parteiregimes oder dagegen, sondern trotz seiner strangulierenden Wirkungen zustande gekommen waren - als Bücher, Filme, Songs, Gemälde oder Fotografien." Das allerdings verlangt die nötige, aber unaufgeregte Neugier eines Flaneurs in und zwischen den Kulturen und Kunstgattungen, denn "vermeintlich Altes, Verdrängtes und Beiseitegeschobenes aufzuspüren und Verbindungen und Verknüpfungen freizulegen, erfordert geradezu ein Mäandern." Und da ist das eine Wort um das hier geht und das im Titel des Buches schon aufscheint: Verdrängung. Und dann das andere: das so wichtige stilistische und prozesshafte Mäandern.

Dankbar verweisen wir an diesem Punkt auf die mehr als dreißigseitige Leseprobe (weiter unten), die bereits anschaulich macht das Erzählprinzip der Verquickung von "Eigen-, Fremd- und Wirgeschichten", um noch einmal Odo Marquard zu bemühen. Und deutlich wird da auch schon, was der Verlag vorab nicht zu Unrecht betont, dass vorliegendes Werk sich gegen Vergessenwerden, sowie Ostalgie und Ideologisierung wende:

"Marko Martin begegnet diesem Dilemma mit einem provokant gutgelaunten wie anspruchsvollen Panorama der Kultur des Ostens. Er hat »wieder« gelesen, gehört und geschaut. Er hat mit manchen aus dieser Zeit gesprochen. Er beschreibt und erzählt. Immer wieder findet er umwerfende Texte und Geschichten. En passant erhält so die Kultur des Ostens, deren einstige Gegenwelt nicht mehr existiert, eine neue Gegenwart."

 

Gerade dies aber ein Aspekt, den Geschichtsprozesse immer wieder lehren, der aber viel zu oft nur schwer oder gar nicht erkannt wird. Und das nicht erst seit William Faulkners Diktum "The past is never dead. It´s not even past."

 

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 Angesichts aktueller Cancel- und Hate-Barrikaden berichtet der Autor von einer intellektuellen Abendgesellschaft und ihrem viel versprechenden Kommunikationsprozess: Die verschiedenen vermeintlich eingefahrenen ost- oder westgeprägten Identitäten der Teilnehmer*innen können sich ändern sowie Vorurteile, das Gegeneinander-Aufrechnen, Egoismen lassen sich aufbrechen und verschiedenartige ästhetische Vorlieben untereinander akzeptieren. So zeigt sich gegen Ende des Kapitels "Tatsächlich - Kein Ort. Nirgends? "- das war  vor gar nicht so langer Zeit, "Anfang 2020 am Berliner Stadtrand":

 

Reiner Kunze spielt im Titel seines schmalen Prosa-Bandes Die wunderbaren Jahre -1976 vom DDR-Büro für Urheberrechte zur Publikation in der BRD, wohlgemerkt: nicht in der DDR, freigegeben - auf ein Zitat aus der Grasharfe von Truman Capote an. Kongenial Marko Martin, wenn er das mit hundertfünfzig Seiten längste Kapitel in diesem Buch zum Thema Jugend in der DDR in Literatur, Film und auf dem Theater mit "Süßer Vogel Jugend" betitelt und Bezug nimmt auf einen anderen US-amerikanischen Autor: Tennessee Williams. Auch darin manifestiert sich Sympathie, auch Bewunderung für Autoren - bei allen Unterschieden etwa in ihrer Haltung zur DDR -  wie Ulrich Plenzdorf (Die neuen Leiden des jungen W., 1973), für eben Reiner Kunze und für Volker Braun (Unvollendete Geschichte, 1975/1988) und ihren poetischen Umgang mit Jugendlichen, die sich nicht umstandslos in realsozialistische Langweile und Sturheit hineinzwingen lassen.  

(Leseproben hier unten)

 


 

Und im Film? Das Buch fokussiert an dieser Stelle auf zwei davon: Solo Sunny, der DDR-Kinohit von 1980, preiswürdig auch für die Westberliner Berlinale, mit jener "plebejischen Diva und ihrer charmanten Rotzigkeit", die zudem noch singen kann, wobei der Schauspielerin Renate Krößner die Jazzsängerin Regine Dobberschütz ihre Stimme leiht.

Und dann natürlich Paul und Paula (Drehbuch: U. Plenzdorf, Regie: Heiner Carow, 1973) und ihre DDR-Realität sprengende Liebe in der geradezu systemgefährlichen Traumsequenz mit dem Liebespaar im schwimmenden Bett. Ein Film, der haarscharf an der Zensur vorbeischrammte, was wohl auch noch den ganz konkreten politischen Umständen, dem vermeintlichen politischen Klimawandel nach dem Machtantritt Honeckers, geschuldet sein konnte.

 

 

Und kenntnisreich kann der Autor in diesem Zusammenhang von der Wiederaufführung eben dieses Films 2013 nach 40 Jahren berichten und davon, was so die Kanzlerin dazu meinte, die dabei anwesend war.

Das Kapitel behandelt ebenfalls mit dem faktensicheren Insiderblick Martins die Pop- und Punkszene in der DDR, "Udo Lindenberg gegen die Bonzen" und David Bowies Konzert an der Mauer mit den Boxen gen West und Ost.

Am Ende dieses langen Kapitels über Jugendliche in der DDR, noch das Coming-out sexueller Präferenzen Ende der 80er/Anfang der 90er im Literarischen und im gleichnamigen Film Heiner Carows 1990. Und das Coming-Out unseres Autors als Schriftsteller in spe gegenüber den gestandenen Eva Strittmatter, Fritz Rudolf Fries und Stefan Heym und schließlich seine Ausreise im Frühjahr 1989.

Und damit beginnt einer der spannendsten Momente in diesem Buch, nämlich die sonderbare Verquickung der so detailgetreuen Erzählung vom Verlassen der DDR, von den Büchern, die er mitnahm und nicht mitnahm. Dieser autobiografische Erzählstrang dann zusammengeführt mit einem anderen: Das Zusammentreffen mit dem peruanischen Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa im März dieses Jahres 2020, kurz vor Veröffentlichung des vorliegenden Bandes. Die beiden kennen sich bereits, doch diesmal ist entscheidend, dass Martin den 84-Jährigen mit einer persönlichen Entdeckung bekanntmacht. Bei der Lektüre dessen grad auf Deutsch erschienenen Prosawerks Harte Jahre erinnert er sich eines anderen Romans (Das grüne Ungeheuer, 1959) vom DDR-Autor Wolfgang Schreyer, der, wenn auch nicht literarisch vergleichbar, so doch dasselbe Thema bereits sechzig Jahre zuvor antizipierte. Durchaus gute Unterhaltungsliteratur und nicht ideologisch versifft. Was erfahren wir nicht alles dank der bewundernswerten Liebe zum Detail des Autors hier konkret über Llosa und den "Vielschreiber" Schreyer, der "vermutlich" auch viel reisen durfte und dessen Romane von der DEFA sogar verfilmt wurden! Und der auch, ganz im Unterschied natürlich zu den mit Zuckerbrot und Peitsche behandelten Parteiautoren, wesentlich dazu beitrug, dass sich die Kollegin Brigitte Reimann aus ihrer Stasi-Verstrickung lösen konnte.

 

Brigitte Reimann, die mit neununddreißig Jahren allzu früh Verstorbene, dank nicht nur ihrer Franziska Linkerhand (1974) eine der herausragenden Schriftsteller*innen und nicht nur der sog. Frauenliteratur der DDR. Sie hebt der Autor besonders hervor wie auch andere Autorinnen, die weniger im Fokus öffentlichen Interesses stehen: so gleichfalls die Dichterin Inge Müller, Frau des weltbekannten Heiner. Und wie in gewisser Weise ebenfalls Helga Schubert von der "Künstlerkolonie Drispeth", über die Sarah Kirsch 1988 in Allerlei-Rauh dank ihrer "hohen Kunst der Beiläufigkeit" schreibt und Christa Wolf ein Jahr später in Sommerstück. Jener Freundeskreis von Intellektuellen auf dem Lande, ein schönes, doch trügerisches Idyll, in den Texten schon spürbar und in der Realität nachweisbar durch einen Stasi-Mitarbeiter unter ihnen.  

 


 

Betitelt Martin das Kapitel über schreibende Frauen in der DDR mit "Frauenbild, fast ohne Gruppe" in Anspielung auf Heinrich Bölls Roman von 1971, so liegt der Bezug zu Thomas Brasch eindeutig auf der Hand "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1977) mit Martins Zusatz "- oder auch nicht" - zentral hier die zermürbende Vater-Sohn-Problematik bei Thomas Brasch, seinen Brüdern und später auch der jüngeren Schwester Marion. Rebellion gegen einen kommunistischen Vater, Hardliner und stellvertretenden Kulturminister.

 

Daneben aber auch der in Israel lebende Schriftsteller Chaim Noll, als Sohn eines preisgekrönten DDR-Großschriftstellers im Milieu der Kultur-Nomenklatura aufgewachsen. Was er "der Generation seines Vaters, aber auch manchen Nachgeborenen vorwirft, ist...weniger deren Utopie-Gläubigkeit als vielmehr jene nie reflektierte Hingebung an die jeweils herrschende Macht, älter als die DDR, älter sogar als 33". Nicht nur verleugnete der Vater seine jüdischen Wurzeln, sondern er zerbrach auch künstlerisch am Antagonismus Partei - Poesie; seine Trilogie bleibt unvollendet.

 

Und interessant und verdienstvoll, dass der Autor, indem er den deutsch-israelischen Schriftsteller Chaim Noll so stark in den Fokus rückt, hier mit der Legende aufräumt, die den Ursprung des sog. "Literaturstreits um Christa Wolf" zwei Feuilletonisten von FAZ und Welt zuspricht, die 1990 die gesamte DDR-Literatur und noch dazu die der Gruppe 47 unter Ideologieverdacht stellten. Begonnen hatte das eigentlich mit einem Beitrag Nolls für die Welt. Und der habe einen ganz anderen Ton angeschlagen. Damit wird der Blick dreißig Jahre zurück präziser und wirft auch ein genaueres Licht auf die Gegenwart.

 

Das Buch endet, wie es beginnt mit einem mäandernden Erzählen von einer dreistündigen Autofahrt des Autors in Kolumbien auf dem Weg zu Gabriel García Márquez, um den es dabei aber eigentlich gar nicht geht. Worum aber dann? Seine Antwort: "Was im Halbschlaf so alles auf und ab taucht! Geschichten, Gedankenfetzen, Pläne, Gehörtes...Geschichten, die älter sind als die DDR und an anderen Orten geschehen, vielleicht könnten sie etwas lehren über das Vermischte der Existenz, über Täuschungen und Selbsttäuschungen..."

 

Hier wollen wir jetzt aber abbrechen, nicht spoilern, nichts mehr vom Señor Luis am Steuer jenes Wagens, dem "Ingenieur im Ruhestand, der sich als Mietfahrer ein bisschen zusätzliches Geld verdient..." und der "1977 nach Dresden gekommen ist". Damit verabschieden sich der Autor als wunderbarer Geschichtenerzähler und wir uns mit ihm.

 

 

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