Rabenschwarzes Jahr für die Kultur - Bilanz 2020 und Forderungen



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Herrenhausen 2020 I

 

Eight, ein, oder sollte man besser schreiben: das Mixed-Reality-Projekt von Michel van der Aa, das vielleicht am ehesten dem im modernen Sinne eines - oft inflationär gebrauchten - Begriffs von Richard Wagner, dem des Gesamtkunstwerks, nahekommt wegen dieser überzeugenden Fusion von

*Komposition, Skript, Regie,

*Gesang und Performance der Singer-Songwriterin Kate Miller-Heidke,

*dem Designer Theun Mosk,

*dem Nederlands Kamerkoor,

*in Kooperation von The Virtual Dutch Men,

*im Auftrag von Holland Festival, Festival d'Aix-en-Provence, KunstFestSpiele Herrenhausen, Beijing Festival, Helsinki Festival. Mit Unterstützung des Fonds Podiumkunsten, des Stimuleringsfonds Creatieve Industrie, des Amsterdams Fonds für Kunst u.a.

So wird, wie von verschiedenen Seiten betont, Musiktheater dank Virtual Reality in eine neue Dimension visueller Kunst überführt. Und das ist nicht wenig angesichts erster zaghafter Versuche in der Welt der Oper.  

Eight, die Achtzahl, mit ihrer Jahrtausende alten Semantik in Wissenschaften und Weltreligionen, mit ihrer Symbolkraft öffnet unendliche semantische Räume...

Was war denn eigentlich der Grund, dem ersten Schienenweg meiner elektrischen Eisenbahn die Struktur einer Acht zu verpassen?!

 

Vielleicht die verdoppelte Form des Kreises, diese infinite Bewegung ohne Anfang und Ende... 

 

 

"I´m wide awake" beginnt der Gesang von Kate Miller-Heidke, ja hellwach und konzentriert bewege auch ich mich mit VR-Brille und Kopfhörer in die Dunkelheit, ins Ungewisse hinein, geführt von einer unberührbaren älteren Frau mit deutlich erkennbaren Gesichtszügen, denen der Sängerin. Die mich zu unbekannten Stationen ihrer "almost forgotten memory" führt, auf eine Erinnerungstour, die einmal die Züge einer jungen Frau vielleicht im realen Alter von KMH annimmt, dann die eines kleinen, vielleicht achtjährigen (!) Mädchens unter einem Tisch mit dunkelroter Tischdecke, vor das ich mich hinhocke und ihr zuhöre: "Once again you´ll be born from a belly/ Tracing time /Once again the line as a circle". Hier die Linie als Kreis, kurz zuvor in der Rezitation noch der Kreis als Linie - und die ist er ja immer.

Und als ich mir meine Hände vor die VR-Brille führe, sehe ich sie als die Hände der alten Frau, und dann plötzlich schweben sie vor mir natürlich rein visuell, abgetrennt von meinem realen Körper.

 

Aber tatsächlich weniger "die ergreifende Lebensgeschichte einer Frau" erlebe ich hier in diesem Mix aus Wirklichkeiten, die müsste ich eher selbst aus dem ganzen Ensemble all dieser visuellen, textuellen und klanglichen Elemente heraus gestalten. Jedoch begreife ich dieses Kunstwerk von Traumlandschaften eher als Inspiration, mich mit mir selbst zu konfrontieren.

Ob in der Szenerie an den dunklen wallenden Flusswassern, die in mir vor allem Erinnerungen an eine stehende Wasserfläche der beklemmend schwarzen Donau aufrufen oder an ebensolche Teiche und kleine Seen auf dem Lande.

 

Ob in jenem, anfangs unheimlichen Moment am Ende eines Ganges, wo du nach oben und unten, rechts und links ein wenig beklommen in die Unendlichkeit blickst, in jene "infinity", woran so der Song in der siebten Zeile, "das Schweigen des Hauses rührt".

Wie bei einer Wanderung im Harz und meinem Blick ins Gebirge, was mich damals an Caspar David Friedrichs Wanderer überm Nebelmeer denken und Erhabenheit spüren ließ.

Oder etwa an poetische Texte  wie beim Albumthema, das, so die Plattenfirma, „Unendlichkeit“ untersucht in Bezug auf „Zeit“ und „Raum“,  inspiriert durch das Schreiben von Jorge Luis Borges, Fernando Pessoa, Federico García Lorca, Emily Dickinson und wissenschaftliche Entdeckungen.

 

 

disquiet media: Michels markantes Sounddesign aus analogen Synthesizern, Gitarren, hypnotischen Rhythmen und einer dichten Klangatmosphäre kombiniert mit Kate Miller-Heidkes kraftvoller, unverwechselbarer Stimme .

Ein Album jenseits des Genres mit einem Hauch von experimenteller Elektronik, Indie, A-Cappella-Chor (Netherlands Chamber Choir) und Pop

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Kommentare: 3
  • #1

    Renate Servus (Dienstag, 29 September 2020 12:59)

    Farbige Traumbilder mit beruhigender Musik, psychodelischer Ausflug zum Entspannen. Anregend

  • #2

    Fulvia Milton (Donnerstag, 01 Oktober 2020 16:10)

    Mesmerizing colours, soothing voice, poetic review.

  • #3

    Fulvia Milton (Donnerstag, 01 Oktober 2020 16:37)

    n. 2

    The tide flows, the echo still remains.