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The Scream


Genau 120 Jahre nach dem Urerlebnis von Edvard Munch - dem Schrei aus der Natur, der den Künstler zu seinem nun weltberühmten Bild Skriket inspirierte – veranstaltet Marina Abramoviç im Oktober 2013 an demselben Ort, dem heutigen Ekeberg-Skulpturenpark von Oslo, ihre Einzelperformance mit anschließender Publikumsperformance. Hier für diese Ausstellung durch drei Videos dokumentiert 1. zuerst ein Kurzvideo zum Schrei der Marina Abramoviç, 2. dann der Bericht von Wenche Nøstvold-Burger über die Performance von rund zweihundert Teilnehmer*innen und 3. zum Abschluss ein Video mit Foto- und Filmaufnahmen.

Mehr über diese Ikone der Performance  sehr viel weiter unten >>> bitte scrollen

 

 Performance als Kunstform

 

 ist das Thema von KUNO22 im Monat Juli. Ein großes, historisch weit ausgreifendes Thema, manchmal auch als Aktionskunst oder Body Art behandelt.  KUNO möchte sich speziell mit den letzten siebzig Jahren beschäftigen, also mit der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Zwanziger des neuen Jahrtausends. Und das anhand ausgewählter emblematischer Künstler*innen und Kunstereignisse. Tiefer in die Kulturgeschichte der Menschheit und zu einem umfassenden Überblick über die Performance dringt das allerletzte Video bei KUNO vor, in englischer Sprache und nur in neun Minuten, ganz unten auf der aktuellen Seite mit dem Titel the case for PERFORMANCE ART. 

 

Dass in der Nachkriegszeit der zertrümmerten deutschen Illusionen vom Weltimperium, der Schmach des Überlebenskampfes in zerbombten Städten, der doppelten Schuld und Schande zweier Weltkriege mit Millionen Toten und Versehrten fast in jeder Familie sowie der versuchten Totalausrottung des jüdischen Volkes  – dass sich in solcher Situation Künstler*innen und Kulturschaffende nicht umstandslos des Schönen und Erhabenen annehmen wollten, als wäre nur ein böser Spuk vorbei, versteht sich eigentlich fast von selbst. 

 

Neue Wege mussten gesucht und versucht werden, ob in der Literatur, die sich am "Nullpunkt" sah und schnell von der konservativen Kritik als "Trümmerliteratur" abgestraft werden sollte, doch nicht konnte. Die einen von den mehr oder weniger Jungen finden einen neuen Realismus, die anderen die Abstraktion, alles vormals entsorgt als nazistisch "entartet". Die dritten erinnern sich des Dadaismus‘ direkt nach Weltkrieg I und setzen noch eins drauf, zersägen in großer Protestaktion bei Fluxus in Wiesbaden ein Klavier und erzeugen Rhythmen und Klänge einer vielleicht neuen Musik der Zukunft. Da spielt auch die Cellistin Charlotte Moorman mit, nackt und auf einem Instrument mit vielen kleinen Monitoren von Nam June Paik, der die Videokunst zur Blüte bringen wird, als hierzulande noch kaum jemand überhaupt einen Fernseher hatte. Neue Gedanken, Konzepte, Inspirationen in den Künsten sprießen und alle im selben Geist, dass das Alte erstmal abzulegen, ja zu zerstören sei, bevor Neues überhaupt geboren werden könne: Tabula rasa hieß das erstmal bei den Literaten.

 

 

Dass Radikalität sich auch ganz anders präsentieren kann, sehen wir in der Performance-Kunst am Beispiel des französischen Malers Yves Klein, der sich nicht nur ein eigenes Blau patentieren lässt, einen intensiven Farbton, dem man sich überlassen konnte und kann wie seinen Körper dem Wasser. Der Künstler konzipiert zur Welt seiner bleu-farbenen Gemälde und Skulpturen eine Aktion mit drei nackten Models, die auf großen Papierbahnen an der Wand und auf dem Boden die Abdrücke ihrer blau eingefärbten Körper hinterlassen. Aktionsmalerei also, zur vom Künstler selbst geschaffenen Komposition einer minimalistischen Sinfonie mit nur einer Note, die er dann auch stimmig Monotonie nannte, passend zur Monochromie seiner einfarbigen Kunst.

 

 

 

 

 

Zur selben Zeit bringt sich ein künstlerisches Dreigestirn in Stellung namens Bazon Brock, Wolf Vostell und Joseph Beuys, letzterer sicher einem größeren Publikum noch ein Begriff, Vostell vielleicht noch als der mit den Happenings. Doch Brock eher kaum, weder als Künstler noch als großer Kunst-Versteher und  

-Erklärer, als der er sich einen Namen macht. Die drei Freunde treten bei wichtigen Aktionen und Ausstellungen gemeinsam auf, schaffen aus der Erfahrung des Krieges ihre eigenen stilbildenden Positionen und verfolgen dabei die radikale Emanzipation des Individuums und des Lebens. Wie das konkret aussieht, zeigen die Videos auf KUNOs Web weiter unten.

 

 

Der Brückenschlag von der männlichen Performerwelt zu der der Frauen erfolgt mittels einer Künstlerin und eines Künstlers aus dem nachbarlichen Österreich. Hermann Nitsch, dieses Jahr erst verstorben, war berühmt und verhasst wegen seines Tage dauernden skandalumwitterten Orgien Mysterien Theaters, einem Riesenspektakel mit nackten Performer*innen, viel Blut und Eingeweide von Tieren und deshalb mehrfach verfolgt wegen Gotteslästerung und Pornografie. 

Als noch lebende Kunstikone gilt der US-Amerikaner Paul McCarthy (*1945), der durchaus vergleichbare provokante Performance Art zu Geschichte und Gegenwart produziert, die immer wieder von Sex und Macht, Faschismus und Verdrängung handelt.  

 

Das Pornografische im patriarchalisch dominierten Sexbetrieb der Gesellschaft war ein Lebensthema der österreichischen Malerin Maria Lassnig, bis dann die damals junge VALIE EXPORT (bitte groß schreiben) mit ihren feministischen Aktionen auf den Straßen Wiens eine Antwort auf den allgewaltigen Voyeurismus und Sexismus gibt: ihr Tapp- und Tastkino zeigt zwar nicht ihre nackten Brüste, gibt sie aber, versteckt in einem Kasten, für ein paar Sekunden fremden Händen zur Berührung frei.

 

 

In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche wie im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts radikalisieren sich auch die Künste und sehen gerade bei der Performance die Frauen überall auf der Welt über die bis dato geltenden prüden Normen der Sittsamkeit weit hinausgehen. 

 

 

In Japan ist es 1964 Yoko Ono, die in einer partizipativen Aktion namens Cut Piece das Publikum auffordert, was immer es will mit einer großen Schere von ihrem eleganten Kleid und ihrer Unterwäsche wegzuschneiden. Unbeweglich und starren Blicks lässt die Performerin diese Vergewaltigung von Kleidung und Körper über sich ergehen.

Nur ein paar Jahre später wird das in noch radikalerer Form von Marina Abramoviç in Neapel eine zugespitzte Neuauflage erfahren.

  

 

 

Yoko Ono, Cut Piece, Video Still

 

 

Die serbische Künstlerin macht immer wieder deutlich, dass Performance eine mentale und physische Konstruktion sei, bei der Publikum und Performende ein Stück gemeinsam gestalten und das durchaus keineswegs immer einträchtig. In Echtzeit, ohne Probe, in einem einmaligen Vorgang. Ausgangspunkt dabei, dass allen Menschen gemeinsam ist die Furcht vor Leid, Schmerz und Sterblichkeit. Bei ihren Performances inszeniert Abramoviç diese Ängste vor und mit dem Publikum. Mit dessen Energie gelinge es ihr, ihren eigenen Körper so weit  wie möglich zu entgrenzen. Ein Austesten also, wie weit man gehen könne, um solchen Ängsten zu begegnen und gar sich von ihnen zu befreien. In der Kunst wird das als ein Akt der Endurance Art beschrieben, wenn Zeit- und Raumgefühl ausgeschaltet sind, so dass dann die Performerin als Spiegel ihres Publikums zeigt: „Was ich  für mich selbst tun kann, kannst du eben auch für dich tun.“ Ihrer Methode wohnt eine durchaus therapeutische, auch pädagogische Dimension inne, die sie aber nicht dogmatisch vereinseitigt.

 

 

Dass sich Frauen in ihren Performances nackt machen nicht nur im Sinne von Josephine Baker – "Ich bin nicht nackt, ich habe nur kein Kleid an" – und neben ihrem Leib auch die Seele, ebenso wie ihr Leid und ihren Schmerz, ist natürlich nicht immer, doch bei den bekannten Choreographinnen vielfach ein Gesetz.

 

 

Das Berliner Kollektiv She She Pop mit all seinen Autor*innen, Dramaturg*innen und Ausführenden der  Bühnenhandlung feiert 2018 sein 25jähriges Jubiläum. In einer Produktion zwei Jahre später führen die Mitglieder, mittlerweile alle um die fünfzig, ein sehr eindeutiges Stück auf übers Älterwerden, das Klimakterium, Fragen der Schönheit und Hässlichkeit, innen wie außen – ohne Blatt vorm Geschlecht.

 

 

Die neue Generation der Florentina Holzinger (*1986), Clarissa Rêgo (*1983), Regina Galindo (*1974), dann die jungen Femen-Feministinnen, aber auch ältere wie die Choreografin Monica Calle (*1966) treten als Solistinnen oder im Kollektiv in die Fußstapfen ihrer radikalen Vorgängerinnen im Sinne einer durchschlagenden Wirkung ihrer Selbstermächtigung. Oder wie es Florentina Holzinger formuliert: Es gehe ihr um "die Lust am kontrollierten Risiko, das Vertrauen in die kollektive Kraft weiblicher Körper und den starken Wunsch, sich die Zukunft nicht von der Tradition diktieren zulassen." 

Kann das gelten als Programm der Emanzipation persönlich, poetisch und politisch für die Einzelnen wie für das Kollektiv? Wobei sich ganz neue Fragen ergeben, wenn dann nämlich Neues in die Welt gesetzt wird und das nicht nur als Illusion, Fiktion oder Traum.

 

 

 

Juni 2022                                                                                                                         Paul Kroker

 

 

 

Yves Klein: Monotonie + Monochromie

 

Performative Aktionskunst 

 

Fast sechzig Jahre nach der Uraufführung seiner Monotonen Symphonie im März 1960 in einer Pariser Galerie, die begleitet wurde von den Vorbereitungen dreier nackter Models, ihre in die vom Künstler patentierte Farbe IKB bleu gefärbten Körper auf speziellen Papierbahnen auf dem Boden und an der Wand abzudrucken - da entsteht 2019 dazu das der originalen Aufführung entsprechende 25minütige Video, das den Klang des kleinen Orchesters in seiner Eine-Note-Interpretation + Farbe+ Aktion unter dem Dirigat des Künstlers zusammenbringt zu einer Performance Art in Zeitlupe. Ein Begriff, der,  von dem der Performing Arts abgeleitet, selbst erst gerade in seinen US-amerikanischen Windeln liegt . Der aber mit Yves Kleins Pariser Performance vielleicht gar seine reale Geburtsstunde im Geist von Musik,  bildender und Aktionskust erlebt als ein erstes kleines performatives Gesamtkunstwerk. Zum Erleben der Wirkung dieses Ereignisses gibt das Video von OliSUnRecordings (2019) wirklich nachhaltig Zeugnis.

 

 

 

Die Originalkomposition aus den 50er Jahren ist in zwei Teile gegliedert:

"Teil I ist ein einzigartiger, kontinuierlicher Klang, während Teil II aus einer entsprechenden Zeit der Stille besteht, wobei der Klangteil die Zuhörer darauf vorbereitet, die Erfahrung der Stille in Fülle zu verwandeln. Dieses Diptychon ist die genaue Umsetzung der Artikulation zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Monotonie ist die konzeptionelle und klangliche Entsprechung der bildlichen Monochromie" - so der Künstler zum Konzept dieses musikalischen Ereignisse von bildnerischer Körperkunst.

  

Das Bildmaterial - Yves Klein nannte es Anthropometrien - stammt von der ersten öffentlichen Aufführung, die am 9. März 1960 im großen Salon der internationalen Galerie für zeitgenössische Kunst Maurice d'Arquian in Paris stattfand. 

 

 

Internationales FLUXUS Festival 1962, Wiesbaden

 

 

Klar doch, dass Berichterstattung damals Kunstereignisse außerhalb des gängigen Kanons mindestens sarkastisch intonieren musste. Man hatte ja schon gut verdrängt, wie "entartete" Kunst nicht allzu lange vorher behandelt wurde.

 

 

N.J. PAIKs TV-Cello mit Charlotte Moorman 

 

 

Nam June Paik (1932-2006), koreanisch-amerikanischer Komponist und bildender Künstler und gilt als ein Begründer der Video- und Medienkunst 

arbeitete intensiv mit der Cellistin Charlotte Moorman (1933-1991) zusammen, unter anderem bei  Ausstellungen 1976 von Paiks Objekten und mehr als 40 gemeinsamen Performances in Sydney und Adelaide. In einer dieser Performances in der Art Gallery of NSW, die hier abgebildet ist, spielt Moorman Paiks "TV-Cello".

 

 

Beuys Brock Vostell

 

Der selbsternannte "Polemiker" Bazon Brock (*1936) des Trios - Joseph Beuys (1921-1986) nennt er den "Pädagogen" unter ihnen und Wolf Vostell (1932-1998) den "Propagandisten" - erklärt  spannend und gut die Ausstellung zu ihren Ehren 2014 im ZKM Karlsruhe. Ein hervorragender Einblick in die Performance-Kunst des 20. Jahrhunderts.

"Erstmals werden die drei bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegsmoderne Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell gemeinsam in einer groß angelegten Schau präsentiert. Die befreundeten Künstler, die bei wichtigen Aktionen und Ausstellungen in den 1960er-Jahren gemeinsam aufgetreten sind, bildeten aus der Erfahrung des Krieges ihre eigenen stilbildenden Positionen und verfolgten dabei die radikale Emanzipation des Individuums und die Reform bzw. Revolution des Lebens. Durch die gemeinsame Präsentation der drei verschiedenen Positionen der Performativität wird eine neue Perspektive auf die heute in allen Museen der Welt hofierten performativen Künste erarbeitet."

 

"Die Ausstellung zeigt, dass die drei Aktionskünstler auf ihre jeweils eigene Weise einflussreiche wie stilbildende Positionen der Performativität geschaffen haben und an der Bildung eines erweiterten Werkbegriffs beteiligt waren − etwa der Skulptur als Handlung und der Einbeziehung des Publikums. Darüber hinaus wird sichtbar, dass alle drei Künstler in der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen einen gemeinsamen thematischen Schwerpunkt aufweisen. Eine weitere Parallele zwischen Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell besteht in der Neudefinition der Lehre − ein Aspekt, der auch in der Ausstellung nachvollziehbar wird. Die drei Künstler erfanden die Lehre als Aufführungskunst, in deren Mittelpunkt das Vermitteln und Aufklären, das Agieren und Agitieren sowie die Diskussion und die Demonstration stehen. Ausgelöst durch Aktionen, Bilder und Reden sollte eine Bewusstseinsveränderung des Betrachters erreicht werden, die zum übergeordneten Ziel der radikalen Emanzipation des Individuums führen sollte. Im Mittelpunkt der Aktionen und Demonstrationen von Beuys, Brock und Vostell stehen demnach die Zivilgesellschaft und die Demokratie. Nachdem sich die Künstler in den 1950er-Jahren verstärkt auf die Vergangenheit, insbesondere den Holocaust, bezogen haben, war in den 1960er-Jahren der Entwurf sozialer Utopien ihr gemeinsames Anliegen − wenngleich der Weg dorthin sehr unterschiedlich beschritten wurde."

 

"In einem separaten Raum wurde Joseph Beuys zusammen mit einem amerikanischen Kojoten namens „Little John“ für 3 Tage und Nächte eingeschlossen. In diesem Raum ordnete er täglich die neueste Ausgabe des Wall Street Journal und stapelte Filzbahnen. Zu Beginn war der Kojote aggressiv und verunsichert. Aber durch die Zeit, die er mit dem Künstler verbrachte, fasste er immer mehr Vertrauen und näherte sich ihm an. Die Beziehung wurde immer inniger. Beuys legte sich auf das Strohlager, das eigentlich für den Kojoten vorgesehen war, und das Tier dagegen schlief auf auf den Ausgaben des Wall Street Journal.

Zum Abschluss der Aktion ließ er sich, wie bereits zu Beginn, wieder in Filz einwickeln und im Krankenwagen zum Flughafen bringen. Er hatte also während der Aktion nichts von Amerika gesehen, als den separaten Raum der Galerie. Als Grund hierfür sagte er später, dass er sich ganz auf den Kojoten konzentrieren wollte. Der Kojote symbolisiert für die Ureinwohner Amerikas ihre Verbundenheit mit der Natur ist ihnen heilig, bedeutet Kraft und Wandlung."

vgl. https://www.kunstimunterricht.de/

 

Experimenteller Dokumentar-Kurzfilm.

Vostell Happening bietet eine Annäherung an das kreative Universum von Wolf Vostell: Gründungsmitglied der Fluxus-Bewegung in Europa, Pionier des Happenings, der Installations- und Videokunst, gilt Vostell als einer der wichtigsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Jahrhunderts. Sein Werk und seine Philosophie beanspruchen Kreativität als Teil des täglichen Lebens unter der Maxime "Kunst = Leben, Leben = Kunst".

1974 lernte Vostell Malpartida de Cáceres (Extremadura) kennen, wo er den Naturpark Los Barruecos zu einem "Meisterwerk der Natur" erklärte. Dort hatte er die Idee, ein weltweit einzigartiges Kunstmuseum zu schaffen, einen Ort, an dem Kunst, Leben und Natur zusammenkommen.

 

 

"Filz-TV:  Fernsehsendung 'Identifikationen'".

Adaption von "Felt TV",1966 auf einem Happening-Festival in Kopenhagen für ein Live-Publikum inszeniert. Die einzige Beuys-Aktion, die speziell für die Kamera ausgeführt wurde. 

Joseph Beuys (12. Mai 1921 - 23. Januar 1986) war ein deutscher Fluxus-, Happening- und Performance-Künstler sowie ein Bildhauer, Installationskünstler, Grafiker, Kunsttheoretiker und Pädagoge.

 

 

Paul McCarthy & Lilith Stangenberg

in der Theaterperformance A&E / Adolf & Eva / Adam & Eve aktuell in Wien, im August für eine Woche in Hamburg. Mit quasi einem Lebensthema des Künstlers und Performers, das von den Verquickungen von Sex und Macht, der Wiederkehr des Verdrängten, dem Vaterkomplex in der Politik und der anhaltenden Anziehungskraft von Faschismus als Ideologie und Ästhetik handelt.

 

 

Paul McCarthy, DADDA Donald and Daisy Duck Adventure, 2017. Performance, Video, Fotografien, Installation. Regie führten Paul McCarthy und Damon McCarthy. © Paul McCarthy. 

 

 Frauen performen

 

 

VALIE EXPORT

 

vorgestellt von Kunstbanause

 

Rufer im Schamlippen-Wald

Berlin, 19. September 2020. Die Untersuchungsliege wird nach vorne geschoben, endlich ist auch Johanna Freiburg dran. In einen Glitzer-Morgen-Mantel gehüllt liegt sie da, mit gespreizten Schenkeln, weniger lasziv als mehr Patientin, die dann recht selbsterklärend fragt: "Ist das jetzt mein erster Auftritt als menopausale Frau?" Ist es. She She Pop bleiben auch an ihrem neuen Abend sich selber treu, nehmen biographische Bruchstücke als Ausgangsmaterial. In diesem Stück ihr eigenes Älterwerden. (nachtkritik: https://t1p.de/pdgcj)

Hoch auf dem Piedestal 

 

steht sie schon vor der eigentlichen, fast einstündigen Aufführung, aufrecht, nackt und unbeweglich. Eine fleischliche Antipodin zur Monumentalstatue des "David" von Michelangelo, eben keine männliche Figur auf ihrem Postament und alles aus Marmor, sondern ein lebendiger Frauenkörper, „exponiert … im Licht von zwei Scheinwerfern“ in all „seiner Schönheit, Stärke und Verletzlichkeit“, so das Programm.

Augenfällig zunächst der Kontrast von Körpervolumen und, besser: auf geradezu fragilem Holzgestell, der Totalbühne einer zutiefst berührenden Performance, deren Eleganz und Expressivität den Leib in seiner Nacktheit von jeglicher Anzüglichkeit befreit. Und ein Wechselspiel von Nähe und Distanz auslöst.

Clarissa Rêgo gelingt in diesem minimalistischen Setting das im wahrsten Sinne atemberaubende Kunst-Stück, Zeit und Raum außer Kraft zu setzen. Und das nicht nur durch ihre großartige Mimik – immer offener der Mund, immer länger das Gesicht, was selbst den "Schrei" von Edvard Munch lautlos übertönt. Vielleicht sind es aber noch mehr die geschmeidigen entschleunigten Bewegungen, die in quasi fragmentiertem Zustand verharren können antiken Torsi nicht unähnlich.

Wenn die Performerin im Finale dann ein schwer definierbares Lamento anstimmt – keine Melodie, kein Klang der Klage, auch nicht der Anklage – und sich dabei in Gänze und freien Willens – immer ohne den Bühnenboden zu berühren –  unter die Sitzfläche ihres Gestells verkriecht, sehe ich ein weibliches Wesen im Käfig, im Kasten, im Knast. Und mir bleibt angesichts solcher Dekonstruktion und Verfremdung  der Atem stocken. Auch der Beifall des Publikums wirkt eher nachdenklich, verhalten. Was ist es, das den eigentlich verdienten Jubel hier kappt? 

 

 

Marina Abramovic macht in Vorträgen und Interviews immer wieder deutlich, dass Performance eine mentale und physische Konstruktion ist zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum vor einem bestimmten Publikum, wobei ein wechselseitiger Austausch von Energie stattfindet, so dass Publikum und Performende das Stück gemeinsam inszenieren. Der Unterschied zum Theater liege dort, wo das Messer auf der Bühne kein Messer ist, bei der Performance dagegen das Blut das eigentliche Material und die Rasierklinge notwendiges Werkzeug. In Echtzeit. Ohne Probe, als einmaliger Vorgang. Natürlich gehe die Performance davon aus, dass allen Menschen gemeinsam ist die Angst vor Leid, Schmerz und Sterblichkeit. Nun, bei ihren Performances inszeniere Abramovic diese Ängste vor und mit dem Publikum. Mit dessen Energie gelinge es ihr, ihren eigenen Körper so weit  wie möglich zu entgrenzen. Ein Austesten, wie weit man gehen könne, um sich von diesen Ängsten zu befreien. In der Kunst wird das als ein Akt der Endurance Art beschrieben, wenn Zeit- und Raumgefühl ausgeschaltet sind, so dass dann, wie Marina hinzufügt, sie zum Spiegel ihres Publikums werde, der zeigt: „Was ich  für mich selbst tun kann, kannst du eben auch für dich tun.“ 

Doch hören und sehen wir sie selbst, wie sie aus ihrer Welt der Performance-Erfahrungen berichtet:

 

 

„Was ich  für mich selbst tun kann, kannst du eben auch für dich tun.“ Damit postuliert Abramovic performative Methoden eines eher therapeutischen Ansatzes - gewonnen aus ihrer ureigensten Praxis, die sich ja auch mit großen Kolleg*innen wie Beuys und EXPORT nachdrücklich auseinandersetzt und sie öffentlich nachperformt. Dem hat sie dann auch ihre Einrichtung eines Instituts gewidmet, das ihren Namen trägt.

Ihre Elev*innen, oft selbst gestandene Künstler*/ Performer*innen, werden hier mit verschiedenen Arbeiten exemplarisch vorgeführt, beginnend mit Miles Greenbergs Lepidoterophobia, einem fünfstündigen Anti-Phobie-Exerzitium, das er, eingeschlossen in einer Plexiglasbox absolviert, zur Befreiung von seinen schlimmsten Ängsten vor Atlasfaltern und Eulenschmetterlingen. 

 

Experimentalgesang, Bewegungskunst, Kompositionstalent zeichnet  Elaine Mitchener im zeitgenössischem Musiktheater sowie in der Performancekunst aus. Auch sie haben wir bei Marina Abramovic´s #SkyArts entdeckt und weiter verfolgt.

 

Amanda Cogan (*1971, Dublin) zeichnet sich insbesonders durch die Performances von im Körper eingeschriebenen Erinnerungen aus wie ganz grundsätzlich die performative Ausgestaltung ihres Körpergedächtnisses: Wo stecken meine Feiglinge, die Cowards und wie mit ihnen umgehen?

Dieses Video ist Teil der visuell gespeicherten Arbeiten ihrer Mentorin Marina Abramovic.

 

 

Nicht mehr wegzudenken aus der internationalen Tanz-, Theater- und Performance-Szene: Florentina Holzinger und ihr letztes Jahr in Hannover erlebtes TANZ: Eine sylphidische Träumerei in Stunts. Von den einen als "Arabesken des Grauens" verdammt, von den anderen hochgelobt als "dramaturgische Finesse, Klamauk, Splatter, surreale Szenen, Innehalten, mehrstimmiger A-capella-Gesang, Hochseilübungen an am Schnürboden aufgehängten Motocrossmaschinen, atemberaubende, aber wohlkalkulierte Stunts". Hier wird schon viel zusammengefasst von der beeindruckenden Show der sechsunddreißigjährigen Performerin, Tänzerin und Choreographin und ihrer begeisternden Compagnie, allen voran die über achtzigjährige "Trixie", wie die Tanzveteranin Beatrice Cordua liebevoll genannt wird.

Jedoch geht es der Arbeit Florentina  Holzingers um mehr, viel mehr, nämlich um "die Lust am kontrollierten Risiko, das Vertrauen in die kollektive Kraft weiblicher Körper und den starken Wunsch, sich die Zukunft nicht voon der Tradition diktieren zulassen." Was erinnert an die Ästhetik des Risikos von Hans-Thies Lehmann für ein Theater "der Möglichkeit des verletzenden Tabubruchs".

Hier setzt der tabubrechende Abend an mit seinen Unterrichtseinheiten von Beatrice Corduas Lesson I: How to be where you are. Sie ist die nackte, strenge, dabei keineswegs unfreundliche Ballettmeisterin, nicht auf Dressur und Drill bedacht, sondern auf Können. Nacktheit gilt hier wie seit Josephine Baker keineswegs mehr als Tabubruch, sondern als andersartige Betrachtungsweise: "Ich bin nicht nackt, ich habe nur kein Kleid an".

 

Und so kann der nackte Körper eigentlich nicht mehr – wie leider immer noch viel zu oft, gerade auch bei einigen Sozialen Medien – sofort unter Pornografie-Verdacht gestellt, sondern sollte prinzipiell anders konzipiert werden, weil Wahrheit bezeugt werden will und kann, wenn Holzinger und ihre Frauen als nackte Tatsachen auf der Bühne stehen, denen furcht- und schamlos und sogar freudvoll ins Gesicht und auf den Körper geblickt werden kann. Eben weil hier die Wahrheit Frau in vielen ihrer Facetten ausgelebt wird, wozu hartnäckiges Körpertraining schlicht überlebenswichtig ist. Gerade vor dem Hintergrund der akrobatischen Kunststücke mit, auf, an den halbhoch über dem Bühnenboden schwebenden  Motocross-Maschinen, wenn die beiden Akteurinnen kopfüber seitlich daran hängen und sich allein mit dem Spann ihrer Füße an Lenker und Sattel in Balance halten.

Natürlich ist das auch sensationsheischendes Varieté und zugleich doch nur ein konkreter Ausschnitt aus der Gesamtszenerie, wenn simultan dazu noch weitere acht Frauen agieren. Neben elaborierter Körperartistik dann auch Horrorszenarien, die jene dem Mythos eingeschriebenen aktualisieren und zumeist im Reich eines Spiels mit Fiktionen verbleiben. Nicht ohne eine Prise von Humor bisweilen. Natürlich ruft das auch Theatergeschichte auf und konkret das Theater der Grausamkeit von Antonin Artaud. Hier gehen Florentina Holzinger und ihre Frauen dann aber den entscheidenden Schritt weiter und beziehen ihren eigenen Körper als reales künstlerisches Material direkt in den Bühnenvorgang mit ein.

Wie in ihrer oft gefahrvollen Artistik hier in der TANZ-Schau, wenn die Körper zweier Performerinnen nacheinander speziellen Proben sich unterziehen müssen:

Einmal als Triptychon links und rechts je eine Nackte auf dem Motorrad in der Luft. In der Mitte, an ihren langen schwarzen Haaren langsam zum Schnürboden emporgezogen, die Zentralfigur, die sich behutsam dreht. In der Erinnerung, frei von der angstvollen Spannung beim Zuschauen, eigentlich ein wunderschönes Bild der Stille.

Zum anderen die im wahrsten Sinne unter die Haut gehende Aktion nach langwierigen Vorbereitungen im Bühnenhintergund, wenn der Rücken der Hauptdarstellerin geölt und massiert wird und beim Zuschauen eine Ahnung reift, die sich kurz darauf, im Video groß visualisiert, als Gewissheit herausstellt. Im Rückenfleisch wird mit verschiedenen Haken eine Halterung angebracht, auf dass auch diese Sylphide in die Luft empor schweben kann. Mit tiefer Achtung vor dem medizinisch-technischen Savoir faire, der kreativen Bewusstheit der Crew wie auch besonders der Körperdisziplin der Protagonistin verbleibt das in unserer Erinnerung:  diese Tanzbewegungen in der Luft zusammen mit dem Spitzentanz ihrer bodenständigen Kolleginnen in einer exzellenten Choreographie zu Schwanensee-Klängen. Und schließlich ein Surplus an Ironie: Ein Besen wird der Lufttänzerin heraufgereicht zum finalen Ritt für all die Hexenfiguren dieser zweistündigen Schau, diesem nachhaltigen Beweis für jenes "Vertrauen in die kollektive Kraft weiblicher Körper" der Florentina Holzinger (mehr: Klick auf das zentrale Foto)

 

Regina José Galindo 

(* 1974, Guatemala-Stadt), guatemaltekische Aktions-, Installations- und Body-Art-Künstlerin.

 

 

Der große Rückschritt

Eine Gruppe von 45 professionellen Musikern marschiert im Rückwärtsgang durch die Straßen von Guatemala-Stadt und spielt dabei martialische Märsche. Eine Metapher für den sozialen und politischen Rückschritt im Land und im Rest der Welt.

(Ein Projekt mit Unterstützung der Open Society Foundation, Guatemala-Stadt, 2019).

Piedra (2013)

Die Geschichte der Menschheit ist in die Körper lateinamerikanischer Frauen eingeschrieben. An ihren Körpern – erobert, gezeichnet, versklavt, objektiviert, ausgebeutet und gefoltert – kann man die Schrecken von Geschichte, Macht und Kampf ablesen, die die Vergangenheit prägen. Körper sind jedoch nur scheinbar zerbrechlich. Der weibliche Körper hat alles, Eroberung und Sklaverei, überstanden. Wie ein Stein. In ihm sind Hass und alle Erinnerungen aufgespeichert, um das alles in Energie und neues Leben zu verwandeln.  (Per Klick zum Video. Bitte Kinder vor dem Anblick schützen!)

 

Das Lied nun ein Schrei

Prometeo Gallery Ida Pisani, Mailand 2021

 

Schrill und laut, Musikerinnen und Aktivistinnen: Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die russische Punk-Band Pussy Riot mit einem maskierten Protestauftritt gegen das System Putin in der wohl wichtigsten Kirche des Landes weltweit für Aufsehen sorgten. Dem Protest blieben sie trotz Repression treu. Immer wieder landeten sie im Gefängnis. Vor kurzem gelang Pussy-Riot-Mitglied Maria Aljochina die Flucht aus Russland. Jetzt sind sie auch in Deutschland auf Konzert-Tour und mit ihrer Kritik halten die Musikerinnen auch weiter nicht hinter dem Berg.

 

FEMEN

 

Femen: Symbolischer Protest in Hamburgs Rotlichtviertel, 2019

 

Topless vs 'fascist epidemic': Femen march in Paris, 2014

 

Femen in Paris zum  Internationalen Frauentag  2020

 

"The Case for Performance Art"

 

Nachfolgendes Video treibt allen Zweifler*innen an der Performance-Kunst garantiert jeden Zweifel aus. In nur neun (9!) Minuten mit einer kurzen Geschichte der Performance-Kunst. 

Als Hilfestellung: Untertitel (UT) gibt es nur auf Englisch, können aber wirklich hilfreich sein. Die Wiedergabegeschwindigkeit vielleicht besser auf 0,75 drosseln.

Ansonsten ist das schon gut gemacht. Kann als kleiner Generalkatalog zum Thema durchaus dienlich sein. Viel Spaß!

 

 

Ein Nachwort

 

Performance, unter diesem Begriff sammeln sich verschiedenste Ideen, Formen und Methoden künstlerischer Auseinandersetzung mit Mensch, Natur und Gesellschaft.  Dabei wird schnell klar, dass ästhetische Kategorien, die ja mit dem 20. Jahrhundert vielfache Entgrenzungen erfahren auch in den Performance Arts, solchen Prozessen unterworfen sind, allein schon deshalb, dass sie wie auch andere Kunstgattungen in besonderer Weise Kunst und Leben miteinander zu verbinden suchen und damit eine "Abgrenzung zum Illusionsspiel", zu romantischen Möglichkeitsräumen vollziehen, wie es die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Marina Linares darstellt und in dem Satz: „Performance stellt keine Welt dar, sie stellt sie her“ einen wichtigen Paradigmenwechsel andeutet (vgl. https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/8038), womit Grundfragen der Ästhetik neu zu überdenken sind, wenn die Schaffung explizit von Authentischem, also nicht Ästhetischem als künstlerisches Ziel gesetzt wird. Womit auch die traditionelle Dialektik, in die ich Kunst immer eingebunden sah, nämlich die von Ethik und Ästhetik, anders definiert werden kann, ja muss. Wenigstens was die Ästhetik angeht.

 

Juli 2022                                                                                           Paul Kroker

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christian Kruse (Donnerstag, 28 Juli 2022 21:13)

    Besten Dank für diese Sammlung von Performances, die überwiegend zumindest ein stirngerunzeltes Kopfschütteln bei mir hervorriefen.
    Eine der Ausnahmen: Marina Abramovic; ihr Vortrag und der anschließende "2 Minuten-Blick" schafften es, mich emotional stark zu berühren.
    Aber sonst? Selbstdarstellung um der Provokation willen, die trotz noch mehr Blut, Gedärme und Genitalien irgendwann nicht mehr recht gelingen will...