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Mai

 

Skulptur als Bewegung

 

Skulptur ist Bewegung. Nicht unbedingt und immer. Doch sie kann genau das sein, wenn sie mehr ist als eine Statue zum Zwecke purer Dekoration und Bewunderung. Skulptur als Bewegung, das ist jedenfalls nicht neu, das wussten schon die Alten, davon zeugen ihre Werke seit der griechischen Antike wie die Siegesgöttin Nike im Louvre mit ihren weit ausgebreiteten Flügeln, als landete sie gerade.

Daran erinnert auch der Dichter Rainer Maria Rilke, als er bei Auguste Rodin auf Anhieb das fundamental Neue für die moderne Bildhauerei zu erkennen meinte. Betrachtet man den Kopf des Mannes mit der gebrochenen Nase (kunoweb.de/ar/) mit den Augen Rilkes, dann lässt sich vielleicht erahnen, "was Rodin anregte, diesen Kopf zu formen, den Kopf eines alternden, häßlichen Mannes, dessen gebrochene Nase den gequälten Ausdruck des Gesichts noch verstärken half; es war die Fülle von Leben, dass es auf diesem Gesichte gar keine symmetrischen Flächen gab, dass nichts sich wiederholte, dass keine Stelle leer geblieben war, stumm oder gleichgültig".

 

Doch warum sollte so etwas schön genannt werden? Wegen der tiefen "Empfindung des Gleichgewichts", meint der Dichter, auf der einen Seite die "vielstimmige Qual dieses Angesichtes", auf der anderen scheint es "Gerechtigkeit in sich zu tragen, Aussöhnung und Geduld, groß genug für alle seine Schwere." Das ließe sich auch über andere ikonische Werke Rodins wie den Denker sagen sowie über das Denkmal für die Bürger von Calais.

 

Mit Steine können tanzen präsentiert Martina Benz  mit ihrem bildhauerischen Schaffen eine weitere Position, die auch ein  Motto von Karl Marx aufruft: "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" Und Benz zwingt tatsächlich den Stein, vor allem die Pflastersteine, ihre natürliche Gravitationskraft aufzugeben, indem sie "mittig durchbohrt und auf Gewindestangen aufgefädelt werden", so die Autorin über ihre Technik der Pflastersteinarbeiten. Bei der anschließenden Modellierung der gesamten Skulptur wird die ursprünglich ruhende Statik in eine neue, tänzerische verwandelt, also im doppelten Sinne aufgehoben. Das ganze Werk in seinem neuen Zustand atmet Bewegung. Skulptur wird zum hochdynamischen Erleben von Stein und Gestein, mitunter von Holz. 

 

Eine ganz andere Form der Bewegung verfolgte wiederum der Metallkünstler Udo Smorra, dem bei diesem Skulpturen-Mai von KUNO zu seinem dritten Todestag ein E-Katalog gewidmet ist. Die Verwandlung von altmetallenen Abfällen war sein Metier und zufrieden konnte er sein, wenn daraus dann etwas Neues von ästhetischem Rang entstand. Vor hundert Jahren hatte Marcel Duchamp mit seinen Ready-mades die Welt der Künste revolutioniert. Im Prinzip ihm ähnlich widmete Udo Smorra Altes um, Inspirationen folgend, die ihm das vorgefundene Material zuspielte. So wurden denn zwei große Metallnägel zu einem Sinnbild für Nähe und Zusammensein auf einem kleinen Sockel zusammengeschweißt - ein wahrer Höhepunkt unter seinen abstrakten Arbeiten und von einem Minimalismus, der gängiger Schrottkunst schlicht unbekannt ist.

 

Gleichfalls und auch wieder anders  findet sich das Motiv der Bewegung in The Last Judgement Sculpture, einem Hauptwerk des britischen Künstlers Anthony Caro (1924–2013). Einmal im thematisch großen Bogen der Erzählung vom Weltgericht bis zu Auferstehung und Erlösung. Zum anderen in dem auf die Partizipation des Publikums angelegten Parcours dieser monumentalen Installation. Den konnten auch wir uns vor drei Jahren auf dieser 25-teiligen Ausstellung in der Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie erlaufen.

 

Die aktuelle große Münchner Werkschau der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya (*1933) zeigt unter dem schönen Titel Nebel Leben eine ganz flüchtige Form von Wandel und Wechsel: Nebelskulpturen, entstehen aus Wasser, wozu sie auch wieder werden, ohne das Grundelement zu vergeuden. Durch Temperatur, Wind und Atmosphäre in Außen- wie Innenräumen sind diese skulpturalen Nebelgebilde, die zu ihrer Entstehung mit den Daten der nächstgelegenen Wetterstation abgeglichen werden, in jedem Augenblick Veränderungen ausgesetzt, bis sie sich bis zum nächsten Aufruf verflüchtigen. Ein technologisch unterstützter Transformationsprozess von Materie, der dem Ephemeren huldigt und traditionelle Vorstellungen von Skulptur schlicht herausfordert.

 

Aus aktuellem Anlass gesellt sich noch eine dritte Bildhauerin zu den beiden Frauen in diesem Skulpturenpark online, nämlich die Gewinnerin des Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig für den besten Beitrag in der großen Hauptausstellung The Milk of Dreams: die US-amerikanische Künstlerin Simone Leigh. Ihre monumentale Bronze-Büste Brick House zeigt eine Schwarze, weibliche Figur, deren Körper an eine Lehmhütte erinnert. Leigh bespielt außerdem den diesjährigen US-amerikanischen Pavillon der Biennale. KUNO zeigt online ihre Gestaltung  des Pavillons mit den Skulpturen drinnen wie draußen.

 

Eine besondere Herausforderung: die "immaterielle Skulptur" des Buddha in contemplazione von Salvatore Garau, die zwar unsichtbar ist, auf jeden Fall - so der Künstler - dennoch existent sei und die Vorstellungskraft aktiviere. Gehört zur Kategorie Konzeptkunst und ist wohl auch geprägt durch ihren katholischen Kontext. Letztes Jahr abgesteckt auf dem Pflaster der Piazza della Scala vor der Mailänder Oper und verkauft: 15.000 Euro für fünf mal fünf Fuß; immer neu abzustecken, wo immer der Käufer es will. Unter Beachtung der Gebrauchsanweisung des Künstlers natürlich.

 

 Weitere Videobeiträge zu aktuellen Ausstellungen der beiden kalifornischen Bildhauer Richard Serra (*1939) und Michael Heizer (*1944), des Franzosen Bernar Vernet (*1941) sowie Fotos zum künstlerisch-wissenschaftlich arrangierten Metalhenge auf der Bremer Blocklanddeponie.

  

Das alles versammelt KUNO22 zum Thema Bildhauerei für den Monat Mai. Wie immer sind alle Ausstellungen auf kunoweb.de in ihrer Dauer unbegrenzt beziehungsweise im Archiv der und für die Zukunft zugänglich.

 

 

 

April 2022                                                                                      Paul Kroker

 

 

 

Rodins ausdrucksstarker Schrei (1886) folgt zwei Jahre auf seinen 'skandalösen' Mann mit gebrochener Nase. Danach aber nimmt die

Karriere des großen Bildhauers der Moderne Fahrt auf. Und gipfelt

 neben vielen anderen Werken in den Bürgern von Calais.

Zur Ausstellung per Klick aufs Foto

 

 

 

IN MEMORIAM

 

Udo Smorra (1953-2019)

 

 

Vor knapp zwei Jahren die erste große Online-Ausstellung

für den Künstler des Altmetalls, nun der E-Katalog

mit einer Werkübersicht. 

Per Klick aufs Bild.

  

 

Die einzige Bildhauerin unter den vier Hauptausstellungen

in diesem Skulpturenpark. Wir freuen unsdass Martina 

Benz mit dabei ist mit ihrer ersten Online-Ausstellung - 

die Künstlerin mit den Pflastersteinen. Erinnert

irgendwo an den ikonischen Nagel-Uecker?

Per Klick aufs Bild in die Ausstellung

 

Gate of Heaven
Gate of Heaven

 

Anthony Caro
The Last Judgement Sculpture der Sammlung Würth

20.12.2019 bis 01.11.2020 in der Berliner Gemäldegalerie

Diese Installation hatte uns geflasht!

Schreiben die Organisator*innen:

"Gemeinsam mit der Sammlung Würth präsentieren die Staatlichen Museen zu Berlin in der Wandelhalle der Gemäldegalerie The Last Judgement Sculpture, ein Hauptwerk des britischen Künstlers Anthony Caro (1924–2013). Die monumentale, 25-teilige Installation bildet in unmittelbarer Nähe zu den Alten Meistern ein raumgreifendes zeitgenössisches Ensemble zum übergreifenden Thema Jüngstes Gericht.“

 

Mehr: Klick aufs Titelfoto

 

Aktuelle Ausstellungen 

 

Gewinnerin des Goldenen Löwen 2022
Gewinnerin des Goldenen Löwen 2022

Richard Serra. Transmitter. Gagosian gallery. Le Bourget. France. October 2021.

METALHENGE, Bremen 2022
METALHENGE, Bremen 2022
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